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Letzte Blüten des Jahres

Jetzt haben wir schon zwei Mal leichten Frost in unserer Gegend gehabt – auf den sandigen Geestrücken von Zeven und Bremervörde bis ins Lüneburgische hinüber ist es immer ein oder zwei Grad kälter als in den Niederungen von Wümme und Weser. Noch hält sich einiges Laub an den Bäumen, aber der Sturm am Wochenende hat schon viele Blätter in den Garten eingestreut. In den meisten Partien sieht es bereits ganz spätherbstlich aus, bis zur Winterruhe ist es nicht mehr weit.

Aber noch blüht es hie und da, und an einem sonnigen Tag wie heute fliegen sogar noch Schmetterlinge, zumeist Admirale, die an herunter gefallenen, langsam vermodernden Mirabellen und Äpfeln saugen.

Ein Kräutergarten kann nicht mit der Herbstpracht von Stauden aufwarten, Aster, Dahlie & Co. sind hier nicht zugelassen. Die späten Blüten setzen daher nur einzelne, eher bescheidene Lichter. Im Schutz der Alpenheckenrosen leuchten unverdrossen einige Ringelblumen Calendula officinalis orangefarben, als genügten die vielen Samen, die ihre verblühten Schwestern hoch halten, noch immer nicht fürs nächste Jahr – Ringelblumensamen gehören übrigens zu den vielgestaltigsten im Blumenreich.
Auf dem Katzenkopfpflaster an der Südwand des Hauses hat sich Kleine Katzenminze Nepeta racemosa 'Superba' ausgesät. Sie blüht seit dem zeitigen Frühjahr, und auch wenn jetzt schon viele der silbergrauen Blätter verdorrt sind, öffnen sich immer wieder die kleinen blauen Blüten an den drahtigen Stängeln.
Gleichermaßen als Dauerblüher behauptet sich im Waldrandbeet der Scheinmohn Meconopsis cambrica. Seit April haben die überall hin verstreuten Pflanzen immer wieder "nachgelegt" mit gelben, zartblättrigen Blüten, die in der Erscheinung an wilden Mohn erinnern. Und gleich nebenan trotzt die wilde Malve Malva sylvestris mit den dunkel geäderten Purpurblüten den Minusgraden. Auch sie hält sich im Garten durch Selbstaussaat. Ihre Verwandte, die Moschusmalve Malva moschata, die im Sommer unter der Last ihrer rosa bis blasslila Blüten schier zusammenbricht, beteiligt sich mit einigen Nachzüglern.
Sogar die Römische Rasenkamille – die Duftrasenpflanze schlechthin – hat noch nicht aufgegeben. Einzelne der strahlend weißen Blütenköpfe stehen eine Handbreit über dem Teppich aus fein gefiederten Trieben. Einige Schritt weiter, wo es wirklich steinig wird in meinem Garten – der Geestboden, von Moränenzungen der letzten Eiszeit zurück geblieben, steckt ja voller kleiner und großer Wackersteine, und ich habe fast eine Wagenladung für den mediterranen Teil verbaut –, an den Stufen, Spalten und Nischen blühen die verschiedenen Bergbohnenkräuter Satureja, von denen ich im vorigen Monat geschrieben habe.
Und auch den Star unter den Spätblühern habe ich schon erwähnt: Mönchspfeffer Vitex agnus-castus: Aufrechte, spannenlange Blütenrispen mit unzähligen blassblauen Einzelblüten über den vielfingrig gespreizten Blättern, die dem Hanf ähneln. Der intensive Blattduft – manche sagen: nach Kapern – hat sich jetzt allerdings verflüchtigt. Vitex gilt als etwas frostempfindlich – mein Strauch ist inzwischen zehn Jahre alt und hat minus 25 Grad überstanden, ohne Schutz.
Nicht übergangen werden dürfen die späten Storchschnabel-Arten, bei mir Geranium versicolor und Pratense-Hybride 'Johnsons’s Blue'. Ihnen scheinen die ersten Frostnächte gar nichts ausgemacht zu haben, frisch grünes Laub und vereinzelte rosa bzw. blaue Blüten.

Ja, und dann schweben an vielen Stellen in etwa einem Meter Höhe die leuchtend blauen, doldenähnlichen Blütenstände des Patagonischen Eisenkrauts Verbena bonariensis zwischen den anderen Pflanzen. Diese Verbena blüht vom Juli bis zum Winteranfang, immer neue der kleinen, bei den Schmetterlingen begehrten Blüten werden nachgeschoben. Die Schönheit ist nicht zuverlässig winterhart, sät sich aber reichlich aus. In günstigen Jahren bilden die Bestände eine ganze filigrane Etage von Lavendelblau auf den hohen, dünnen Stängeln. Weil sie Nachbarn nicht bedrängen und verschatten, dürfen sie sich fast überall einmischen. Die Heimische Verwandte, unser Eisenkraut (Verbena officinalis), heiliges Kraut schon der Kelten und klassische Apothekerpflanze, blüht auch noch mit letzten, winzigen Kelchen weiß und blau an langen Rispen.

Wie gesagt, bescheiden ist der Herbstflor im Kräutergarten. Umso mehr freut jede einzelne Blüte.


Text und Fotos: Ludwig Fischer