header

Lehrjahre in Sachen Epimedium

Warum habe ich mir Epimedium-Arten in den Kräutergarten geholt? Immer auf der Suche nach Neuem für den Schaugarten, bin ich zunächst vor Jahren einem Versprechen, einer Anpreisung auf den Leim gegangen: Eine sehr bekannte, große Kräutergärtnerei pries Pflanzen der Art E. grandiflorum als 'Ziegenkraut' an – Ziegenhirten hätten beobachtet, dass ihre Böcke regelrecht geil wurden, wenn sie von den Blättern dieses Krauts gefressen hätten. Deshalb gelte die sommergrüne, weiß blühende Elfenblume als Aphrodisiakum. Ob auf den japanischen Inseln, von denen E. grandiflorum – inzwischen in vielen Sorten züchterisch bearbeitet – ursprünglich stammt, Ziegenhirten umher wandern, verriet die Anpreisung freilich nicht.

Ich nahm die Information vorerst als bare Münze, also musste die hübsche Staude im 'Lustgärtlein' bei mir wachsen, im Halbschatten unterm Apfelbaum, neben Brennnessel und Kanadischem Ingwer und Echtem Haarstrang und anderen. Ich war aber neugierig geworden und begann, im Internet ein wenig zu stöbern und zu fahnden. Bald stellte sich heraus: E. grandiflorum gilt zwar als ein Gewächs, dass die Libido bei Ratten fördert, aber ähnliche Wirkungen beim Menschen sind nicht belegt. Vor Selbstversuchen wird ausdrücklich gewarnt.

Nun erscheinen in jedem Frühjahr zunächst sehr kleine, dunkle, rötlich-braune Blättchen, die sich dann auf ihren dünnen Stielen bis auf etwa 20 cm Höhe erheben und etwa walnussgroß werden; ihre Farbe wechselt zu einem hellen, ledrigen Grün mit einem bräunlichen Hauch. Bald erscheinen die weißen Blüten, die vier weit abgespreizte Sporne besitzen – ein Kennzeichen der meisten Epimedium-Arten. Die hübsche Schattenpflanze, wahrscheinlich die Sorte 'Elfenkönigin', möchte ich nicht mehr herausreißen, aber als 'Ziegenkraut' wird sie bei mir nicht mehr bezeichnet.

Denn als das eigentliche Aphrodisiakum unter den Elfenblumen wird E. sagittatum gehandelt, ebenfalls eine ostasiatische Art. Man kann getrocknete Blätter in Internet-Shops bestellen, oft unter dem Namen 'Horny Goat Weed'. In der klassischen chinesischen Medizin (TCM) wird E. sagittatum, neben weiteren Arten, unter anderem gegen hohen Blutdruck eingesetzt, manche schreiben dem Kraut günstige Effekte bei Erektiler Dysfunktion zu. Seriöse Händler und Firmen weisen darauf hin, dass die medizinischen Wirkungen klinisch nicht bestätigt sind und dass Vorsicht bei Selbstmedikation geboten ist.

Aber wenn schon E. grandiflorum im 'Lustgärtlein' seinen Platz hat, musste nun natürlich auch E. sagittatum her. Das war sehr viel leichter gesagt als getan. Nicht nur bei Gaissmayer fehlt sie im großen Epimedium-Sortiment, selbst ausgewiesene Epimedium-Spezialisten hoben nur die Schultern. Bei der Gärtnerei Esskuche zum Besipiel erklärte man mir, das sei ein so unansehnliches und schwieriges Kraut, dass man es einfach aus dem Sortiment genommen und entsorgt habe. Wo ich auch nachfragte und recherchierte, nirgends bot man mir Pflanzen des legendären Libidohelfers an.

Bis ich im Frühjahr auf dem Pflanzenmarkt im Freilichtmuseum Kiekeberg bei Hamburg – ein wahres Schlaraffenland für Staudenbegeisterte – Lars Ulsamer traf, in einer der hintersten Ecken, an einem bescheidenen Tisch unter Bäumen. Mindestens zwei Dutzend der apartesten Epimedium-Kreationen standen vor ihm. Ich hielt mich mit meiner Frage eine Weile im Zaum, beguckte einige der fragilen Schönheiten und erkundige mich dann wie nebenbei nach E. sagittatum. Die habe er leider nicht dabei, bei den über 150 Arten bzw. Sorten, die er vermehre, könne er immer nur einige mitbringen, und die nachgefragte Art sei nun nicht gerade die attraktivste und am leichtesten zu kultivierende. Aber er könne sie ja schicken, aus seiner Gärtnerei im entlegenen Ostfriesland. Wir einigten uns, dass er sie zum Frühjahrs-Staudenmarkt in Bremen mitbrächte, ein Katzensprung von Benkel.

Bald wird also das wahre 'Ziegenkraut' meine kleine Epimedium-Sammlung ergänzen. Denn inzwischen habe ich angebissen bei diesen grazilen, aber mit manchen Arten und Sorten ausgesprochen robusten Halbschatten-Liebhabern. Ich habe aber auch in den letzten Jahren lernen müssen, dass man gut Bescheid wissen sollte, wenn man Epimedien pflanzt, so unterschiedlich sind Standortvorlieben, Wuchsverhalten, Konkurrenzstärke – die zierliche, sehr hübsche E. grandiflorum 'Nanum' mit bläulich-weißen Blüten zum Beispiel wird bei mir nach zwei Jahren schon von E. pinnatum ssp. colchicum regelrecht untergebuttert; diese 'Schwarzmeer-Elfenblume' gehört zu den Ausläufer treibenden Arten, die hervorragende Bodendecker abgeben, zwischen denen kaum ein Beikraut aufkommt.

Von meinen Epimedium-Erfahrungen schreibe ich in der nächsten Gartennotiz. Mit Lars Ulsamer habe ich mich noch eine Weile unterhalten – er erklärte mir, mit den Epimedien sei es nun auch wie mit vielen anderen Gartenstauden: Jedes Jahr kommen viele neue Hybriden auf den Markt, man könne gar nicht alles sichten und erproben. Auf seiner Homepage spricht der Kenner gar von einer "Epimedium-Epidemie" und warnt, bei den Elfenblumen könne man einer regelrechten Sucht verfallen – so weit werde ich es nicht kommen lassen.


Text und Fotos: Ludwig Fischer