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Krötenlilien

Irgendwie habe ich mich nie so recht an Krötenlilien, botanisch Tricyrtis heran gewagt. In den Katalogbildern der versendenden Blumendiscounter der 70er und 80er Jahre sah sie so unerhört exotisch aus, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass eine Pflanze mit einer solchen filigran und raffiniert geformt und gefärbten Blüte hierzulande im Freien überlebt. Außerdem hatte ich so gar keine Idee, wie die Pflanze überhaupt wächst … wer nur die Blüte sieht, verpasst eben die halbe Schönheit.

Ich musste bereits mein 4. Lebensjahrzehnt erreichen, ehe die Krötenlilie eine meiner Gartenbühnen betrat. Um es gleich zuzugeben – ich bekam sie geschenkt. Eine Nachbarin mit dem schönen Namen Maria reichte mir eines schönen Frühlingstages einen Klumpen mit Wurzeln über den Zaun, der bereits austrieb. Sie hätte diese Pflanzen von ihrem Vater bekommen, der seinen Garten auflöse, hätte reichlichst davon und wüsste einfach nicht wohin damit. Ich war erst gehemmt von meinen eigenen Hoheitsgedanken, denn schließlich wollte ich ja quadratzentimetergenau wissen, welches Gewächs sich wie wo bewegt. Da war ein Wurzelsknäuel mit ungewissem Ausgang erst einmal suspekt. Als Maria aber beteuerte, wie hübsch die Blüten seien, und wie unkompliziert die Pflanze wüchse, siegte meine Neugier. Ich suchte einen Standort aus an dem wenig schief gehen kann für unbekannte Gewächse – halbschattig und nicht zu trocken – pflanzte und wässerte und wartete ab.

Die seltsamen Pflanzen streckten sich und bildeten zuerst einmal etwa kniehohe aufrechte Triebe mit relativ breiten, eiförmigen, abstehenden Blättern. An den Blattachseln im oberen Drittel der recht straffen Schosse zeigten sich kleine aufrechte, längliche Knospen bis hinein in die Spitze. Sie öffneten sich ab Mitte Juli – und siehe da: Es handelte sich um Krötenlilien, genauer gesagt Tricyrtis formosana. Ich musste mich erst von dem Rausch meiner Faszination erholen, denn diese detaillierten Blüten waren schon etwas Besonderes. Allerdings war ich auch überrascht, wie klein sie sind. Doch lenken sie den Blick auf die Feinheiten einer Pflanzenblüte: Sechs eher schmale, weiße, auffallend rosarot gepunktete Blütenblätter umgeben einen markant aber fein geformten Stempel mit oberständigen Staubgefäßen.

Der erste Krötenlilienpulk meines Lebens wuchs allerdings neben sehr viel auffälligeren Pflanzen wie Tigerlilien (Lilium lancifolium) und dem knallig magentafarbenen Storchenschnabel 'Patricia'. Ihre delikate Schönheit wurde von den beiden anderen staudigen Rampensäuen förmlich an die Wand gespielt, so als hätte man Showgirls aus Las Vegas neben einer Charakterdarstellerin auf die Bühne gelassen. Hier musste ich als Gartenregisseur daher eine Umbesetzung vornehmen, die natürlich ein Umsetzen der Krötenlilie nach sich zog, da ich mich an eingewachsene Trupps echter Lilien nicht heran wage. Im zweiten Jahr wuchs Tricyrtis also am Fuße der knapp mannshohen (oder fraushohen?) Remontantrose 'Ferdinand Pichard', die sich mit ihrem zartrosa-pupurfarbenen Streifenlook ausgezeichnet mit der hübschen Kröte vertrug. Niedrige Farne und mein gärtnerisches Allheilmittel, Heuchera micrantha 'Palace Purple' (man könnte auch die noch dunklere, vorzügliche 'Obsidian' verwenden), komplettierten die Szenerie.

Ermutigt durch die Wüchsigkeit und begeistert von der über acht Wochen andauernden Blütezeit dieser Pflanze wagte ich mich auch an andere Krötenlilien heran – die zweite wichtige Art hört botanisch auf den Namen Tricyrtis hirta. Sie wächst etwas gedrungener und bildet fast den gesamten Trieb rauf und runter ihre etwas helleren Blüten. Maria schied allerdings als Lieferantin der Pflanzen aus und so stammten sie aus Dieters Gärtnerei. Ich setzte sie im Frühling und freute mich sehr darüber, dass sie in puncto Wuchskraft dem Einwanderer aus dem versunkenen Garten in keiner Weise nachstand. Sie steht nun zwischen Funkien (Hosta), Wiesenraute (Thalictrum), Eisenhut (Aconitum) inmitten eines Teppiches gefüllt blühender Walderdbeeren (Fragaria vesca 'Plena'). Allerdings muss ich wohl die anbrandenden Erdbeeren ein wenig auf Abstand halten, damit sie die Krötenlilie nicht überschwemmen.

Doch der Standort im Baumschatten hat so seine Tücken. Kühle spendet nämlich eine sehr durstige Pflaume, die den Boden überraschend trocken hält. Die ebenfalls dort wachsenden Astilben zeigen immer als erste an, wenn Gießbedarf herrscht. Und obwohl meine Krötenlilie dort noch keinerlei Ausfallerscheinungen zeigt und fleißig blüht, will ich lieber doch kein Risiko mit ihr eingehen und gieße rechtzeitig.

Ihre Namensgeber, die Erdkröten, habe ich in diesem Jahr zumindest in dem Schattenbeet noch nicht ausmachen können. Sie hielten sich lieber im unordentlichen Gehölzsschnittstapel auf den ich auf eines der Gemüsebeete brusthoch aufgetürmt hatte. Naja und offen gestanden mag ich diesen Namen überhaupt nicht – wer hat sich den bloß einfallen lassen. Mir kommen eher andere Assoziationen in den Sinn. Sternlilie wäre nett, oder Funkenlilie, oder Leopardillo, oder Brausesternchen, oder Pünktchenanton, oder … na, was haben Sie denn nun für Vorschläge?


Text und Fotos: Andreas Barlage