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Kreuzungen zwischen den Arten

Pflanzen und Tiere einer Art können problemlos fruchtbare Nachkommen zeugen. Das zeichnet eine Art aus. Allerdings gibt es auch Ausnahmen. Ist eine Singvogelart durch eine geographische Barriere geteilt worden, entstehen verschiedene Gesangsdialekte. Die können so ausgeprägt sein, dass es zu keiner Verständigung der Paare mehr kommen kann.

Kreuzen sich verschiedene Arten, so kommt es häufig zu unfruchtbaren Nachkommen. In der Tierwelt z.B. Maultier und Maulesel. In der Pflanzenwelt z.B. das Gras Calamagrostis x acutiflora, eine Naturhybride zwischen dem Land-Reitgras und dem Wald-Reitgras. Verschiedene gefundene Exemplare sind in gärtnerischer Kultur, z.B. die Sorte 'Karl Foerster'. Im Garten erweist sich deren Unfruchtbarkeit als Vorteil, denn Grassämlinge sind höchst lästig. Vermehrt werden kann dieses Gras aber nur durch Teilen. So sind alle Calamagrostis x acutiflora 'Karl Foerster' genetisch eine einzige Pflanze. Andere Kreuzungen derselben Partner zeigen davon abweichende Wuchseigenschaften. Die Sorte 'Waldenbuch' ist kompakt und straff im Wuchs, die Sorte 'Overdam' hat weiß gestreifte Blätter und ist zierlicher.

Bei Artkreuzungen können aber ebenso fruchtbare Nachkommen entstehen. So setzt sich der berühmte hohe Rittersporn aus vielen Arten zusammen. Und man kann, wenn man will reife Samen ernten. Besser, man schneidet die verblühten Stiele ab, dann gibt es im September eine zweite Blüte. Den größten Anteil am hohen Rittersporn hat die in den Alpen, vor allem aber in Russland heimische Art Delphinium elatum beigetragen. Man spricht deshalb heute von Delphinium Elatum-Hybriden.

Ein anderes Beispiel sehr fruchtbarer Artkreuzung hat die Gattung Helleborus zu bieten. Die sog. Helleborus Orientalis-Hybriden können von sehr vielen Helleborus-Arten abstammen. Denn alle Arten mit grundständigen Blättern kreuzen sich und bilden keimfähige Samen. H. purpurascens aus der westlichen Ukraine, H. odorus aus dem Nordbalkan, H. orientalis aus der Türkei, um nur einige Arten zu nennen, sie alle sind miteinander kreuzbar. Es wird daher vermutet, dass in den Helleborus Orientalis-Hybriden, unter denen alle Hybriden vereint sind, nur sehr wenig "Orientalisblut" enthalten ist. Die Fruchtbarkeit dieser Hybriden ist grenzenlos, was jeder bezeugen kann, der sich auf H. Orientalis-Hybriden eingelassen hat.

Eine berühmte Artkreuzung von großer wirtschaftlicher Bedeutung vollzog sich um 1714 in Frankreich. Frisch von einer Expedition mitgebrachte Chilenische Erdbeeren, Fragaria chiloensis, kamen mehr zufällig in die Nachbarschaft der nordamerikanischen Scharlach-Erdbeere, Fragaria virginiana. Die Nachkommen aus dieser Nachbarschaft zwei verschiedener Arten sind die Stammeltern all unserer großfrüchtigen Erdbeersorten, die fruchtbar sind und durch Samen vermehrt werden können. Was heute auf den Märkten erscheint, sind Hybriden Nord- und Südamerikanischer Erdbeeren. Unsere heimische Walderdbeere, Fragaria vesca ist dabei genetisch nicht mit von der Partie, obwohl es geschmacklich sicher eine positive Wirkung hätte.

Artkreuzungen kommen in der Natur vor, kommen mehr oder weniger im Gartenbau vor und sie werden in voller Absicht und gezielt von Züchtern vorgenommen. Welche Schwierigkeiten dabei auftreten können, das erlebte Anfang des 20. Jahrhunderts der große Gärtner und Staudenzüchter Georg Arends. Sein Ziel: ein Phlox, der zeitlich zwischen den Frühlingsphloxen und den Hohen Sommerphloxen blüht. Er machte mit mehreren Arten wiederholte Versuche, die alle fehlschlugen. Dann 1906 bezog er von einem englischen Gartenbaubetrieb

Phlox divaricata var. laphamii und var. canadensis. Sie wollte er nun mit Phlox paniculata kreuzen. Es entzieht sich unserer Kenntnis, wie er die weit auseinander liegenden Blühtermine überbrückte. Es stellte sich jedenfalls heraus, dass die Kreuzung nur funktionierte, wenn die Phlox divaricata Unterarten als Mütter dienten. Bestäubter Phlox paniculata dagegen setzte keinen Samen an. Es entstanden Züchtungen, die ab Juni blühten und die auch in der Höhe zwischen den Eltern lagen. Vor dem Ersten Weltkrieg brachte Arends 10 Sorten davon heraus, nach dem Krieg folgten weitere. Sie wurden mit Phlox x Arendsii hort. bezeichnet, heute mit Phlox Arendsii-Hybriden.

In Staudengärtnereien sind Hybriden heute eine Selbstverständlichkeit. Nicht immer ist die Kreuzung so kompliziert, wie bei Georg Arends. Manches ist in der Natur gefunden worden, wie Anemone x lipsiensis, eine Kreuzung zwischen dem Weißen und dem Gelben Buschwindröschen. Andere sind sicher mit viel Aufwand entstanden, wie die Hybriden zwischen Stauden- und Strauchpfingstrosen, den sogenannten Intersektionellen Paeonienhybriden.


Text und Fotos: Christian Seiffert