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Kräuter-Gedanken

Wenn man jetzt in der zweiten Winterhälfte etwas schlapp macht, gewissermaßen unter einer vorgezogenen Frühjahrsmüdigkeit leidet, dann liegt dies nicht nur am fehlenden Sonnenlicht, sondern auch an fehlendem frischen Grün aus dem Garten. Der Kräutergarten hat sich weitgehend zurückgezogen, liegt zeitweilig unter Schnee. Allein die zweijährige Petersilie, z.T. im Frühbeetkasten, z.T. im Freien, kann noch gepflückt werden.
Doch in Gedanken sind wir schon weiter: Bei der ersten grünen Mischung, fein gehackt für das Butterbrot: Der erste Schnittlauch, die ersten Estragontriebe, ein paar Blätter von der Zitronenmelisse. Oder der erste Salat aus dem Garten: Löwenzahn, etwas Feldsalat, der zwischen Stauden verwildert aufgegangen ist. Der Höhepunkt dann ab Mai, die Grüne Sauce mit allen Kräutern, die der Garten gerade hergibt, je nach Erntemonat sehr unterschiedlich.

Aber darüber wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, sondern über einige Kräuter, die sich auf dem Staudenbeet nicht genieren müssen, die über die Trennung von Nutz- und Ziergarten nur lachen können. Übrigens in Jamlitz und in Eresing ganz verschiedene Kräuter.

Erstaunlicher Weise sind es im jamlitzer Sand zwei Allium-Arten, von denen man annehmen möchte, sie seien mehr für feuchte, anmoorige Böden geeignet. Das ist einmal der Schnittlauch, Allium schoenoprasum, eigentlich eine Staude feuchter Wiesen. Im Sand bildet er kräftige Horste mit dicken Blattröhren. Er blüht von der zweiten Mai-hälfte bis Mitte Juni, je nach Witterungsverlauf. Vor einigen Jahren habe ich zu den vorhandenen "Küchenschnittlauchen" die Sorte 'Forescate' gepflanzt, mit schönen roten Blüten. Und nun konnte ich erleben, was normaler Weise durch permanenten Schnitt verhindert wird, eine rege Samenvermehrung. Die Ergebnisse sind teilweise überraschend schön, überwiegend aber lästig. Schnittlauch lässt sich schlecht jäten, vor allem wenn er bis in Trockenmauern vordringt! Das Farbenspiel reicht nun von dunklem Rosa über Lila bis ins Dunkelrot. Zu den jamlitzer Erfahrungen gehört aber auch, dass die weiße Sorte 'Elbe' bei weitem nicht mithält, ja zu verschwinden droht.

Die zweite Art ist Allium tuberosum, die sich seit einigen Jahrzehnten als "Schnittknoblauch" zunehmender Beliebtheit erfreut. Die flachen Blätter schmecken noch Knoblauch, die Spätfolgen des echten Knoblauchs sollen aber ausbleiben, heißt es. Sieht man von den kulinarischen Vorzügen dieser Lauchart ab, so ist es vor allem die attraktive Blütendolde, die für diese Gattung ungewöhnlich spät, ab August erscheint. Im letzten Jahr wurde zwei weitere Sorten gepflanzt: Die Kleine Sorte 'Kobold' und die große 'Monstrosum'. Warten wir ab, wie sie sich im Sand verhalten. Die Partner auf diesem Allium-Quartier sind Schwertlilien, vor allem die Iris variegata, und als Vorboten blühen weiße Forestiana-Tulpen, die Sorte 'Purissima'. Immer wieder hinein verirren sich aber auch Sämlinge von Oenothera odorata, eine duftende Nachtkerze, die ganz offensichtlich eine Neigung zum Unkraut hat. So würden ohne die jätende Hand in ein paar Jahren Schnittlauch und diese Nachtkerze vermutlich das Terrain ganz erobern.

In Eresing, auf lehmigem Boden und Kies im Untergrund hat eine andere Gewürzstaude ihren Idealstandort gefunden:
Die Süßdolde, Myrrhis odorata. Leider musste ein bestimmter Staudenbereich aufgelöst werden, in dem die Süßdolde im Mittelpunkt stand. Doch das Miteinander war so schön, dass ich es hier zum Besten geben will.
Man stelle sich vor: Verschieden blaue und violette Akeleien. Sie entstanden durch natürliche Kreuzung von Aquilegia vulgaris und A. atrata. Dazwischen mehrere Lamium orvala. Was sich später als gravierendes Problem erwies, da stand auch der blaue Beinwell, Symphitum azureum. Eine sehr attraktive, niedrig bleibende Art mit leuchtend blauen Blüten. Ihr Nachteil, sie wuchert hemmunglos und durchsetzt unterirdisch ganze Areale. (Im jamlitzer Sand verhält sich dieser Beinwell relativ zahm!) Und nun mitten drin mehrere Süßdoldenstauden. Ihre farnähnlichen Blätter, ihr kräftiger Stamm, ihre weißen duftenden Blütendolden sind von großer Schönheit. Das gilt für die gesamte Vegetationszeit. Aber auch kulinarisch hat die Süßdolde einiges zu bieten: Das junge Laub mit kerbelähnlichem Geschmack lässt sich in der Küche wie Kerbel verwenden. Ausdauernder Kerbel! Wir verwenden es gern in verschiedenen Kräutermischungen. Die Früchte der Süßdolde sind wahre Bonbons, solange sie noch weich und kaubar sind. Ihr Geschmack liegt zwischen Anis und Lakritze. Wer Myrrhis odorata noch nicht kennt und über einen kräftigen, nicht zu trockenen Boden im Halbschatten verfügt, der sollte sich diese Staude schnell anschaffen.


Text und Fotos: Christian Seiffert