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Königslilien

Seit ich denken kann, faszinieren mich Lilien. Die noble Erscheinung, der schlanke, markante Aufbau der Pflanzen und die unglaublich variantenreichen Blütenformen und –farben raubten mir bereits als Schulkind den Atem. Wenn ich Blumenkataloge in die Hände bekam, schlug ich immer die Seiten mit den Lilien als erstes auf und malte mir aus, welche ich denn am

liebsten einmal irgendwo in den Garten pflanzen wollte. Regale mit Blumenzwiebeln, die in Tüten mit Bildern abgepackt waren, zogen mich magisch in den Bann. Eines Tages war es soweit und ich kaufte von meinem Taschengeld meine ersten Lilienzwiebeln. Dieser Kauf war wohlüberlegt, denn ich hatte mich mit Hilfe der Gartenbücher der örtlichen Bücherei natürlich erst einmal ins Thema eingelesen. Eigentlich wollte ich mit den klassischen weißen Madonnenlilien (Lilium candidum) meine ersten Erfahrungen in Sachen Lilien machen, doch sie wurden allgemein als problematisch beschrieben. Außerdem ließen sie sich in meiner kleinen Heimatstadt nur schwer beschaffen. Dafür gab es die als robust geltenden, erschwinglichen Königslilien (Lilium regale), die ich als Fünfergruppe gespannt an einem kühlen Märztag wie vorgeschrieben dreimal so tief in den Boden setzte, wie eine Zwiebel dick war.

Die Spannung war kaum zu ertragen, bis sich die ersten Triebe blicken ließen.
Bald konnte man förmlich zusehen, wie die Pflanzen heran wuchsen; ich war überrascht, wie kraftvoll die Stiele mit den feinen davon abstehenden Blättern aussahen. Sowie sie etwa zwei Drittel ihrer Höhe erreicht hatten, zeigten sich bereits die noch winzigen Knospen – Vorfreude macht sich dann breit, denn natürlich habe ich nachgezählt, wie viele Blüten sich denn wohl entfalten werden. Der erste Lilienpulk meines Lebens trug dann stolze 22 Blüten; sie öffneten sich freundlicherweise pünktlich zu meinem Geburtstag Anfang Juli. Als ich die Blüten das erste Mal sah, war ich absolut begeistert! Außen sind die Blütenblätter in einem bräunlichen Purpurton überlaufen (lediglich die Selektion Lilium regale ‘Album’ ist rundum weiß, das hatte ich aber erst später heraus gefunden …). Innen sind die Blüten blendend weiß. Die sehr glatte Oberfläche wirkt wie feinster Alabaster. Am Schlund findet sich eine gelbe Zone; auch die Staubgefäße und der Griffel sind gelb. Die Blüten stehen seitlich ab und verbreiten besonders abends einen betörenden Duft – narkotisch durchdringend und doch weich schleicht er wie zu Duft gewordener Samt durch die Sommernacht während die Blüten durch die Dämmerung und das Dunkel schimmern. Schönheit betört eben auf vielerlei Weise!

Ich freute mich schon direkt nach dem Abblühen der Lilien auf das Dacapo im folgenden Jahr – doch auch andere Lilienliebhaber entdeckten meine neu erworbenen Schätze. Lilienhähnchen. Allein das Wort bedeutet für Freunde der edlen Blumen das Grauen, denn die an sich sehr hübschen, lackroten Käfer können das Aus für Lilienpflanzen sein. Sie erscheinen oft schon im April und Mai und halten sich, ehe die Lilien austreiben, erst einmal an Kaiserkronen oder anderen Fritillarien ehe Lilien ihre Leibspeise werden. Die Käfer entwickeln einen riesigen Appetit und fressen sehr rasch die Bestände ab. Man muss sie absammeln und vernichten, sonst sind die Lilien mit Stumpf und Stiel perdu. Da sich die gewitzten Käfer als Fluchtreaktion fallen lassen und dann unauffindbar sind, muss man noch cleverer sein als die Krabbler. Ehe man den Käfer mit den Fingern von oben packen will, hält man den Handteller unter ihn – so kann man ihn auffangen. Auch die zahlreichen Lilienhähnchen-Larven entwickeln einen enormen Appetit; anders als die Käfer sitzen sie aber blattunterseits. Da sie sich einkoten, sind sie von Schlammspritzern für ungeübte Augen kaum zu unterscheiden. Auch wenn es etwas unangenehm ist, das Abstreifen auch der Larven ist eine unumgängliche aber schnell gemachte und vor allem umweltfreundliche Pflanzenschutzmaßnahme.
In letzter Minute erst konnte ich meine ersten Königslilienbestände vor dem Ruin retten; ich brauchte ein wenig, bis ich den Bogen heraus hatte …

Seitdem ist eine lange Zeit vergangen und ich hatte verschiedene Gärten pflanzen und pflegen dürfen. In jedem einzelnen von ihnen blühten Königslilien; es waren fast immer die ersten Blumenzwiebeln, die ich gepflanzt hatte. Selbst im schweren Lehm hielten sie (nach einer “Bodenerleichterung” durch Sand) gut durch. Ich hatte sogar Erfolg, Königslilien selbst auszusäen; es dauerte zwar drei Jahre bis die allerersten Blüten der Nachkommen sich zeigten; sie waren aber ebenso makellos wie die ihrer Eltern.
In meiner ganzen schönen Zeit als Hobbygärtner sind viele Lilien dazu gekommen (und einige wieder gegangen); die Königslilie aber ist geblieben. Wir halten einander die Treue. Manchmal stelle ich mir die bange Frage “Wird sie mich noch lieben, wenn ich noch älter bin?” … immerhin ist die Angebetete mit der Gabe der ewigen Jugendschönheit gesegnet.


Text und Fotos: Andreas Barlage