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Kaiserkronen-Leidenschaft

Vor wenigen Tagen fand ich in Berlin bei einem Ramschbuchhändler ein Buch mit Gedichten von Barthold Hinrich Brockes. Brockes lebte von 1680 bis 1747. Vermögend, seine männlichen Ahnen waren alle Kaufleute, konnte er sich vielseitigen Studien, der Kunst und der Natur hingeben, bis er später hohe Posten im Hamburger Senat einnahm und in diplomatischer Mission an den Höfen in Wien, Kopenhagen, Berlin und manch anderem Staat tätig war. Wo immer er als Politiker oder Diplomat auftrat, war er bereits als Dichter bekannt. 1712 wurde ein Passions-Oratorium von ihm aufgeführt mit der Musik Reinhard Keisers. Danach vertonten Händel und Telemann den Brockes-Text. Und Bach verwendete Teile davon in der Johannespassion.

Brockes war ein begeisterter Natur-Beobachter. Seiner Zeit entsprechend stellen seine Naturgedichte immer einen Bezug zu Gott und den Menschen her. Das reine Naturgedicht war späteren Zeiten vorbehalten.

Die Kaiser=Crone
Es sieht die holde Kaiser=Crone
Von ihrem hoch=erhab´nen Throne
Beständig auf die Erd´ herab,
Die ihre Wieg´ und auch ihr Grab.
Ach mögten doch von ihren Höhen
Die Fürsten so herunter sehen!

Die Augen, welche wie Krystallen
In diesen Bluhmen offen stehen,
Die lassen oftermal
Fast Honig=süsse Thränen fallen.
Ach mögten sich doch auch die Grossen fassen,
Und, nach dem Beyspiel dieser Bluhme,
Vergnüg´t durch ihrer Hoheit Stral,
Dem Gott, der sie so groß gemacht, zum Ruhme,
Auch Freuden=Thränen fallen lassen!

Der bitter=süssliche Geruch,
So aus der Kaiser=Cronen quillt,
Ist ein mit Lehr` erfülltes Bild,
Daß auch der allerhöchste Stand
Mit Bitterkeit oft angefüllt.

Auf dieser Bluhmen Cronen=Spitzen
Sieht man ein Büschel Gras nicht ohn Bedeutung sitzen.
Ach dächten doch die Grossen dieser Erde,
Bey dieser Bluhm´, an ihre Flüchtigkeit,
Und daß auch Gras, nach kurzer Zeit,
Gecrön´te Häupter decken werde.

Ankunft in Europa
Die Kaiserkrone hatte zu Brockes’ Zeiten bei Botanikern und Gärtnern höchstes Ansehen. 1575 kam sie wahrscheinlich im Diplomatengepäck aus dem Osmanischen Reich an den Hof in Wien, ähnlich wie etwas früher die Tulpen. In der Türkei wurde die Kaiserkrone, ursprünglich weiter im Osten, vor allem im Iran zu Hause, schon lange als Zier- und Gartenpflanze kultiviert. Nun also kam sie in den Hofgarten der Wiener Residenz.

Objekt der Zeichner und Maler
Im April 1576 blühten die Kaiserkronen zum ersten Mal. Rembert Dodoens, Rembertus Dodonaeus, ein flämischer Arzt und Botaniker, war gerade Hofphysikus beim Kaiser Rudolf II. Für ihn war die neue Pflanze aus dem Osten eine Sensation. Als begnadeter Zeichner machte er mehrere und damit die ersten Portraits von Fritillaria imperialis. Doch so hieß sie damals noch gar nicht, sondern Corona imperialis, deutsch: Krone des Imperiums oder Krone des Kaisers, wahrscheinlich weil zunächst alle Kaiserkronen aus dem kaiserlichen Garten in Wien kamen. Die blühende Kaiserkrone war so sensationell, dass sie von der in Mode kommenden Blumenmalerei mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wurde. Jan Brueghel d.Ä., Sohn des Bauernbrueghel und bekannt unter dem Namen Blumen-Brueghel, nahm sich der Pflanze an und krönte damit seinen sog. Kaiserkronenstrauß. Brueghel lebte von 1525 bis 1569. Seine hinreißenden Blumenbilder, meist Blumen aus allen Jahreszeiten zu großen Bouquets vereint, entstanden in der Zeit zwischen 1610 bis 1620.

Abnormitäten-Wettkampf
Im großen Herbarium des Basilius Besler, dem Hortus Eystettensis (1613) sind drei Tafeln enthalten mit etwas absonderlichen Kaiserkronen. Eine trägt auf ihrem vierfach verdickten Stiel ca. 40 Blüten. Die zweite Tafel zeigt eine zierlichere Kaiserkrone, aber mit ebenfalls mindestens 20 Blüten. Die dritte Tafel stellt eine mehrstöckige Kaiserkrone dar, pagodenähnlich in zwei Etagen blühend. Noch nicht ganz 40 Jahre war es her, dass die Pflanze nach Europa kam, und schon gab es Wettbewerbe um die monströsesten Entgleisungen dieser Pflanze. Dabei ist die Kaiserkrone genetisch sehr stabil. Mit ihr lässt sich nicht eine bunte Varianz wie bei den Tulpen kreieren. Diese durchaus spektakulären Monstrositäten waren sicher nicht vererbbar sondern durch äußere Einflüsse entstanden.

Wie der botanische Name entstand
Corona imperialis, so hieß das kostbare Liliengewächs, und so wurde es auch übersetzt in die europäischen Landessprachen genannt: z.B. Couronne imperiale, Crown imperial etc. Zu einer Änderung der botanischen Bezeichnung kam es 1737 durch Carl v. Linné. Das hatte folgenden Hintergrund: Die auf europäischen Feuchtwiesen beheimatete Schachbrettblume trug den Namen Fritellaria meleagris. Wobei sich Fritellaria von Fritellus, dem Würfelbecher ableitet. Meleagris ist auf Grie-chisch das Perlhuhn. Beides sind sehr treffende Namen, wenn man sich die Schachblume genauer ansieht. „Fritellaria“ hat wahrscheinlich Lobelius (Matthias L`Obel 1538-1616, Arzt und Botaniker) erfunden oder erlauscht. Das Perhuhn „meleagris“ trug Rembertus Dodonaeus zum Namen bei, den wir ja schon als kaiserlichen Hofarzt kennengelernt haben. Linné erkannte die enge Verwandtschaft der Kaiserkrone mit der heimischen Schachblume und ordnete sie in eine gemeinsame Gattung ein. So entstand Fritellaria imperialis L. Und Fritellaria meleagris L. Beide hatten nun ihre von Linné endgültig festgelegten Bezeichnungen.

Vom Hofstar zur Bauernblume
Dass die Kaiserkronen Ende des 16. Jahrhunderts eine fast unbezahlbare Kostbarkeit waren, versteht sich. Doch dank ihrer Vermehrbarkeit durch Nebenzwiebeln und dank des Fleißes der Holländer ereilte sie ein ähnliches Schicksal wie die Tulpen. Die Preise fielen, doch die Beliebtheit blieb. Bald gehörten Kaiserkronen zum Inbegriff des Bauerngartens. Dort gediehen sie besonders gut, weil sie mit viel Stallmist versorgt werden konnten. Und den brauchen sie reichlich.


Text und Fotos: Christian Seiffert