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Je oller, je doller!

Ich konnte nicht widerstehen, einmal diesen Spruch als Überschrift zu nehmen – und das wo es um Pflanzen geht, deren Sorten zum Teil Jahrhunderte alt sind, die aber die ewige Jugend gepachtet zu haben scheinen. Es geht um Alte Rosen.

Nun hat die Überschrift auch den Charme, dass sie sich auch auf mich selbst als Rosenfreund bezieht. Rosen waren zwar bereits seit meinen ersten jugendlich-verwegenen Gartenschritten meine Lieblingsblumen, doch für Alte Rosen schlägt mein Herz erst seit etwa meinem 40. Lebensjahr (wenige Ausnahmen einmal ausgeklammert) und mittlerweile wummert es immer heftiger, wenn ich mir die eine oder andere Sorte ins Gedächtnis rufe.

Ich rätsle bereits eine Weile herum, warum ich mit zunehmenden Jahren immer mehr die Sorten der alten Rosenklassen ins Herz schließe. Nach wie vor bin ich überaus neugierig, neue Züchtungen kennen zu lernen und ihre Eigenschaften zu erleben. Doch bei den alten Schätzchen entdecke ich einfach einen Zauber, der jede noch so schöne Neuheit überstrahlt.

Ganz sicher hängt das damit zusammen, dass sie sich mit ihrer einzigen Blütezeit im Frühsommer etwas rar machen. Aber wie immer ist es ja so, dass man den Wert einer Pflanze ( …oder eines Obstes… oder eines Menschen…) umso höher zu schätzen weiß, wenn er/sie/es nicht permanent zu haben ist. Genuss und Freude werden bekanntlich durch Zeiten der Entbehrung gesteigert. Bei den Rosen der alten Schule kommt noch hinzu, dass sie sich als Pflanze völlig anders zeigen als die modernen Züchtungen (noch einmal: ich liebe auch diese Rosen, aber auf eine andere Art). Stehen eine moderne und eine Alte Rose direkt nebeneinander, erinnert mich das ein wenig an einen roten Teppich mit Starauflauf, auf dem eine jugendschöne Hollywood-Actrice neben einer in die Jahre gekommenen Operndiva steht. Beide haben sich umwerfend zurecht gemacht, tragen ein atemberaubendes Kleid und sind betörend schön. Aber der Jugend gehört das Titelblatt des Magazins und der Diva bleibt ein eher zeitloser Ruhm. Man erinnert sich an die schönen Zeiten, die sie bereits begleitete, an ihre ersten Auftritte – und jedes Mal, wenn sie präsent ist, schwingen mit dem glückseligen Augenblick auch Gedanken an Vergangenes mit.

Im Falle der Rosen reicht die Vergangenheit zuweilen viele Generationen zurück und es liegt in der Natur der Sache, dass ein einziger Mensch, diese nicht selbst erleben konnte. Aber wozu gibt es Bücher von Anno dazumal und auch neueren Datums, die von Autorinnen und Autoren verfasst wurden, die sich in der Geschichte und den Geschichten der Alten Rosen auskennen. Es ist ungemein spannend, die eine oder andere Spur zurück zu verfolgen, und sich vorzustellen, in welchen Gärten diese oder jene Sorte bereits unsere Urgroßeltern bezauberte. Ob vielleicht mein Urgroßvater seiner damaligen ersten Freundin eine 'Madame Hardy', die nach wie vor als eine der schönsten weißen Rosen aller Zeiten gilt, verehrt hatte? Immerhin ist die lindenblütenduftende Damaszenerrose so zäh und robust, dass sie in zahlreichen Gärten geblüht haben dürfte.

Viele Geschichten um Alte Rosen sind eine Mischung aus Legenden und nachprüfbaren Fakten. Das macht sie doch so reizvoll – als wenn man in einem alten Familienalbum blättert, und sich leidenschaftlich darum streitet, ob es Großtante Käthe, oder Großtante Mia war, die bei der Erstkommunion von Papa ein wenig zu viel Cognac getrunken hatte. Schlussendlich ist das nicht wichtig; was zählt sind die Familiengeschichten, die besonders bei Familienfesten immer neu erzählt werden. Das schafft Intimität und Identität, nicht wahr?

Bei der wunderbaren, fantastisch duftenden, purpurfarbenen öfter blühenden Damaszener-Rose 'Rose de Resht' etwa berichtet eine Dame aus England namens Miss Lindsay, dass sie diese Rose in Persien gefunden habe, genauer in der Nähe der Stadt Rescht. Mit glühenden Vergleichen („rubinrote Blüten, die sich über smaragdgrünen Blättern öffnen…“) beschwor sie die Magie des Orientes herauf und beschrieb diese Sorte als etwas noch nicht Bekanntes und es gilt in den meisten Büchern, dass Miss Lindsay diesen Gartenschatz etwa 1940 eingeführt hätte. Allerdings ist es belegt, dass genau diese Rose bereits mindestens 50 Jahre vorher im Oldenburger Land gepflanzt wurde und Duft und Freude verbreitete.

Ein anderes Beispiel ist die Namensverwirrung um die herrliche 'Comte de Chambord' mit ihren langen Knospen, den satinrosa schimmernden Blüten und dem ebenfalls überragenden Duft. Zwei weitere Sorten – nämlich 'Madame Boll' und 'Madame Knorr' sehen dem Grafen von Chambord so ähnlich, dass selbst Experten sich sehr schwer tun, überhaupt einen Unterschied in Blatt, Blüte, Wuchs oder sonstigen Eigenschaften zu finden. Selbst Heino Schultheis sagte mal knurrig-lapidar „das ist doch alles das Gleiche!“. Nanu, wer hat sie dann wann eigentlich gezüchtet und wie kam es zu dem Durcheinander? Klar ist, dass ein kleines Geheimnis im Nu den Reiz der Rose steigert – na, wenn das keine Parallele zu faszinierenden Menschen ist … und damit meine ich nicht nur Operndiven!

Und dann gibt es noch die auffallenden Rosenfamilienmitglieder die wohl in alle Ewigkeit einzigartig bleiben. Da wäre etwa die tiefpurpurne Gallica-Rose 'Tuscany', die mit ihrer dunklen Farbe als „Samtrose“ schon vor Jahrhunderten unsterblich geworden ist. Nicht einmal ihre etwas stärker gefüllte Tochter 'Tuscany Superb' kann ihr den Rang ablaufen … mater pulcher, filia non pulchrior … in diesem Falle …

Ebenfalls ganz unverwechselbar ist 'Stanwell Perpetual', die meines Wissens einzige Bibernell-Rose, die mehrmals im Jahr blüht. Mehrmals? So ein Blödsinn, eigentlich blüht sie dauernd mit ihren flachen, gefüllten, süß duftenden Blüten, die sich nie so recht entscheiden können, ob sie apfelblütenrosa, zartrosa oder denn doch weiß sein wollen. Keine Rose kommt ihr gleich mit dem zähen Wuchs, den flexiblen weniger bestachelten als beborsteten Trieben und dem zierlich gefiedertem hellgrünen, gesunden Laub. Aber anders als bei den modernen Rosen sind hier die Blüten immer mit etwas grünem Laub umgeben und jede einzelne ist als Kostbarkeit auf einem Blattkissen präsentiert.

Das soll mal einer nachmachen – eine Fülle zu zeigen, und dabei das Detail nicht zu entwerten. Rosen können so raffiniert sein …


Text und Fotos: Andreas Barlage