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Jauche oder kleiner Fuchs

Als Biogärtner komme ich manchmal in Gewissenskonflikte. So zum Beispiel mit der Brennnesseljauche. Klar, sie ist eigentlich unverzichtbar. Ein hervorragender Flüssigdünger, wenn die Pflanzen mal im Wachstum stocken. Ein Guss verdünnter Brennnesseljauche an die Wurzeln der Tomaten, der Paprika, Gurken oder Zucchini – und schon wachsen sie fröhlich weiter. Zu diesem Zweck lasse ich Brennnesseln im Garten wachsen, auch dort, wo sie mir manchmal im Weg sind. Wenigstens einmal das Kraut für eine Jauche ernten.

Doch dann entdeckte ich auf einer Brennnesselstaude unzählige Raupen: Grau mit leuchtend gelben Punkten. Ich legte die Schere zur Seite, holte mein I-Phone, um sie zu fotografieren. In der Mittagspause verglich ich die Aufnahme mit Fotos in einem Schmetterlingsbuch.

Aha! Die sind vom Kleinen Fuchs! – Ein bildschöner kleiner Schmetterling, den ich schon seit einigen Jahren in meinem Garten beobachte. Und hier vermehrt er sich gerade. Jeden Tag sehe ich nun nach dieser Brennnesselstaude. Inzwischen sind die Blätter fast abgefressen. Aber ich sehe auch einige, die sind zusammengefaltet. Wenn ich sie vorsichtig versuche zu öffnen, entdecke ich ein feines aber dichtes Gespinst. Die Raupen haben sich verpuppt.

Und was ist nun mit meiner Brennnesseljauche? Ich finde noch eine andere Pflanze. Ich suche sie sorgfältig nach Raupen ab und finde keine. Also schneide ich ein paar Stängel ab. Doch da habe ich schon wieder ein schlechtes Gewissen. Ich weiß doch, dass auch der Admiral seine Eier auf Brennnesseln ablegt. Und der ist schon Stammgast bei mir, solange ich den Garten habe. – Doch müssen es unbedingt Brennnesseln sein? Eigentlich enthält doch jede Pflanze die Nährstoffe, die andere Pflanzen brauchen. Dann sammle ich lieber Giersch. Den mag meines Wissens kein Schmetterling und eine nahrhafte Jauche gibt der sicher auch …


Text und Fotos: Wolfram Franke