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Ist er doch zu retten?

Kaum ein Garten mochte auf Buchs verzichten, bis diesen ehemals so robusten Vielgeliebten die Schattenseite der Globalisierung einholte. Sie bescherte uns, flankiert von der industriellen Massenproduktion, Cylindrocladium buxicola. Er schien aus dem Nichts zu kommen, dieser verheerende, sich wie ein Flächenbrand ausbreitende Buchsbaumpilz. Was ist seither nicht alles an Empfehlungen, Erfolg versprechenden Giftcocktails und Tipps in Umlauf. Auch der Ratschlag, die befallenen Pflanzen zu roden, den Boden im Umfeld mindestens 10 cm tief abzutragen und dann neue, vermeintlich weniger anfällige Buchs-Sorten zu pflanzen, hört sich hilflos an. Glaubt man wirklich, die äußerst mobilen, langlebigen Pilzsporen lassen sich vom bescheidenen Radius solcher Erdarbeiten beeindrucken? Wenn sie lachen könnten, täten sie es vermutlich. Und wer will denn ernsthaft der fragwürdigen Empfehlung kontinuierlicher Giftanwendung im eigenen Garten folgen, um sich eine intakte Optik zu „erspritzen“? Das darf und kann nicht die Zukunft sein!

Während viele Gartenbesitzer noch darüber nachdachten, welche Methode Sinn machen könnte, tauchte der nächste Bösewicht auf, oder besser: er flatterte ins Land. Ein hübscher kleiner Falter ist dieser Buchsbaumzünsler, dessen Raupen sich rasant und mit unglaublich zerstörerischer Energie über die Buchse hermachen. Auch das Kambium gehört zum Speiseplan – was den sicheren Tod ihres Wirts zur Folge hat, wenn man nicht frühzeitig einschreitet. Auch hier sind die empfohlenen Maßnahmen wenig erfolgversprechend, bzw. nur mit immensem regelmäßigen Aufwand halbwegs wirksam.

Geben wir es nun endgültig auf, unser Lieblingsimmergrün?

Das fragte sich vor zwei Jahren auch das vielen Gartenfreunden durch ihren Offenen Garten, Bücher und Vorträge bekannt gewordene Gärtnerpaar Manfred Lucenz und Klaus Bender. Anlässlich eines Vortrages im Rahmen der Jahrestagung der Gesellschaft zur Förderung der Gartenkultur Ende Oktober 2017 berichteten sie dem staunenden Publikum etwas, das Ihnen Ihre Grünschreiberin auf keinen Fall vorenthalten will. Denn es ist mehr als wahrscheinlich, dass diese hochinteressante Entdeckung auch andernorts Erfolg verspricht:

Bei Manfred Lucenz und Klaus Bender war es der Pilz, der so verheerend wütete, dass sie sich schweren Herzens zur Rodung ihres kompletten Buchs-Bestandes entschlossen. Kurz vor den finalen Spatenstichen kam im Oktober 2015 ein Freund des Weges und riet, dem Buchs noch eine Chance zu geben. Er hätte nämlich den seinen durch wiederholte Anwendung von Algenkalk wieder gesund bekommen. Was gab es zu verlieren? Sie besorgten sich einen ordentlichen Sack Algenkalk, stutzten ihre kranken Buchshecken kräftig und puderten den gesamten Bestand gründlich ein. Im nächsten Jahr folgten weitere, immer alle Pflanzenteile benetzende Algenkalk-Gaben, während der Buchs zunächst zart, dann immer kräftiger austrieb und sich regenerierte. Das ist nun (November 2017) zwei Jahre her, die Pflanzen haben sich vollständig erholt und blieben gesund – übrigens, ohne dass sporenverseuchtes Erdreich abgetragen wurde. Allerdings, so fügten die beiden Gärtner hinzu, vermeiden sie es seither, die Buchse im Sommer zu schneiden. Erst ab Oktober wird die Schere gezückt. Das leuchtet ein, denn der Pilz ist ausschließlich in der warmen Jahreszeit aktiv. Zwar kann er auch unversehrte Blätter durchdringen, durch Schnitt entstehen jedoch abertausende von Eintrittspforten, die das Risiko einer Infektion erheblich erhöhen.

Als im Sommer 2017 dann auch der Zünsler vorbeischaute und die ersten Gespinste und Fraßspuren der Raupen im frisch gesundeten Buchs sichtbar wurden, behandelten sie auf gut Glück die befallenen Areale besonders gründlich, bis tief ins Innere der Pflanzen hinein, ebenfalls mit Algenkalk – die Raupen stellten das Fressen ein. Bisher erfolgte kein neuer Angriff. Vorsichtshalber wurden sofort Pheromonfallen angebracht und auch von den Faltern aufgesucht. Nach bisherigen Erfahrungen mit Cydalima perspectalis sind sie aber nur eine geringe Hilfe gegen seine invasive Ausbreitung – er bringt bis zu vier Generationen pro Saison hervor. Die Fallen allein können also unmöglich den weiterhin ausbleibenden Fraß erklären. Wirkt am Ende nicht nur die Pulverschicht des Algenkalks, sondern entsteht vielleicht durch den enorm hohen Anteil an Calciumcarbonat (er liegt bei 80 %) oder andere Inhaltsstoffe auch eine systemische Wirkung? Verändert sich eventuell der Geschmack der Buchsblätter so, dass sie den Zünsler-Raupen nicht mehr munden? Das wäre eine wichtige Entdeckung, der man unbedingt nachgehen sollte. Spannende Fragen also, die auf Antworten warten!


Text und Fotos: Angelika Traub