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Im Bann der Lysimachia

Als Carl von Linné in der Mitte des 18. Jahrhunderts sein Ordnungssystem für die lebende Welt schuf, musste er nach dem Augenschein sortieren und systematisieren. Blütenblätter, Staubgefäße, Narben, besondere morphologische Merkmale, damit ließ sich ordnen. Und das Meiste hat noch heute seine Gültigkeit. Inzwischen sind 250 Jahre verstrichen, in denen die Taxonomie rasante Fortschritte gemacht hat. Wir bekommen es zu spüren, wenn Pflanzen ihre gewohnten Namen verlieren, oft sogar die Gattung wechseln. Erinnert sei nur an die Gattungen Chrysanthemum oder Knöterich, Polygonum.

Wie wird die Systematik in 50 Jahren aussehen? Wird die sehr teure DNA-Analyse zur preiswerten Routine, so dass man schnell die Verwandtschaft von Pflanzen, vor allem aber die Erbgänge zu Ur- und Ausgangspflanzen feststellen kann? Stammen alle Lysimachia-Arten irgendwann einmal von einer Ur-Lysimachia ab? Wie sah sie aus, gibt es sie vielleicht noch? Und da die Gattung Lysimachia in die Familie der Primelgewächse gehört (wer weiß, wie lange noch), wie sah die Urprimel aus? War sie ein Mittelding zwischen Primel, Cyclamen, Soldanella und Lysimachia? Sind Cyclamen und Dodecatheon enger verwandt als Cyclamen und Primula? Gab es eine gemeinsame Ahnin, bevor sich Amerika von Eurasien trennte?

All diese Gedanken, über die ein „Abstammungsbotaniker“ vermutlich lächeln dürfte, gingen mir durch den Kopf, als in Jamlitz, unter den Knöterichen Lysimachia nummularia flächendeckend gelb blühte. Allen Unkenrufen zum Trotz verhält sich das Pfennigkraut tolerant gegenüber anderen Stauden und gegenüber den Frühlingszwiebeln. Kaum vorstellbar, aber 4 Monate zuvor war dieselbe Fläche scilla-blau! Auch seine Ansprüche an die Feuchtigkeit des Bodens sind nicht so hoch, wie man vermuten möchte, wenn man es an oberbayerischen Bachläufen entdeckt. An einigen Stellen vergesellschaftet sich sogar das Pfennigkraut mit der Tripmadam, eine ökologisch unmögliche Gemeinschaft.

Nun, wieder im oberbayerischen Eresing, blühen auf unserem „Wiesenstück“ Lysimachia vulgaris, der gewöhnliche Gelbweiderich, eine heimische Großstaude (bis 1.50 m), die sehr ausbreitungswütig sein soll, sich bei uns aber gesittet benimmt. Nachdem Hemerocallis lilioasphodelus und Iris sibirica ihre Blütezeit beendet haben, übernimmt der Gelbweiderich zusammen mit Tanacetum corymbosum das farbliche Kommando. Auf Wikipedia ist zu lesen, dass Lysimachia vulgaris eine der ganz wenigen Blütenpflanzen Mitteleuropas sei, die ihre Bestäuber nicht mit Nektar, sondern mit einem Öl anlocken!

Damit aber nicht genug: Im Juni blühte die im Zeitablauf erste Lysimachia im eresinger Garten, der Strauß-Gold-Felberich, Lysimachia thyrsiflora. Ein hübscher Wucherer im und am Gartenteich. Hin und wieder muss man ein paar Ausläufer aus dem Sumpf herausziehen, damit der Teich nicht ganz zuwächst. An Wildstandorten, am Rande brandenburger Gewässer z.B. hat sie offenbar Widersacher, die Lysimachia thyrsiflora in der Ausbreitung bremsen. Eine schöne Staude für den etwas wilden Gartenteich. Die unverzweigten Triebe werden bei uns 25-40 cm hoch, sind kreuzweise mit schmalen, lanzettlichen Blättern versehen. In den Blattachseln erscheinen im Mai/Juni kleine dichtblütige, aufrecht stehende Trauben, gelb blühend.

Vor langer Zeit, über 30 Jahre ist es her, da übernahmen wir in einem Mietgarten einen Horst Gelbfelberich, Lysimachia punctata. Im Unterschied zu den erwähnten Arten ist L. punctata in Deutschland nicht heimisch, inzwischen aber so verbreitet und sicher z.T. verwildert, dass man auch diese Art zur heimischen Flora zählen muss. Sein natürliches Vorkommen ist in Osteuropa, auf dem Balkan bis zur Türkei und dem Kaukasus. Da sich diese Staude rasant ausbreitet, kann es durchaus sein, dass sie ohne menschliche Hilfe zu uns gekommen ist. Wirklich aus fernen Landen, aus Ostasien kommt Lysimachia cletroides, der Entenschnabel-Felberich. Professor Hansen würde sagen: die sieht schon so ostasiatisch aus, pagodenhaft. Und schließlich sei Lysimachia ciliata erwähnt, die aus Nordamerika stammt.

Wo nun lag das Zentrum, von dem aus sich diese Gattung in die nördlich-gemäßigten Bereiche der Erde, sich durch Mutationen immer wieder anpassend, auf Wanderschaft begeben hat?


Text und Fotos: Christian Seiffert