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Außer der Reihe schön!

Außer der Reihe schön!
„Es ist ein Ros entsprungen“, heißt es in einem alten Adventslied, doch die Rose, um die es dabei geht, ist nicht etwa die Königin der Blumen. Im Mittelalter verstand man darunter vielmehr die Schneerose (Helleborus niger), die in der Winterzeit und damit zur Geburtszeit Jesu zu blühen beginnt und daher im Volksmund bis heute als Christrose bekannt ist. Diese Blütezeit „außer der Reihe“ hat die Menschen schon immer zu allerlei Spekulationen und zu verschiedenen Legenden angeregt.

Alle Teile der Christrose (insbesondere die Samen und der Wurzelstock) sind giftig, wurden aber durchaus – in der richtigen Dosierung – in der Pflanzenheilkunde verwendet. In der Antike dienten ihre Inhaltsstoffe zum Beispiel zur Behandlung des Wahnsinns, was der Pflanze auch zu ihrem botanischen Namen Helleborus verhalf (helleborosus = wahnsinnig). Bei der Belagerung des antiken Ortes Kirrha versetzte der Feldherr das Trinkwasser der Stadt mit einem Extrakt aus Helleboruswurzeln, wodurch bei den Einwohnern Durchfall und Wahnvorstellungen auftraten, so dass die Einnahme Kirrhas mühelos gelang. Weil das zerriebene Pulver des Wurzelstocks der Pflanze die Schleimhäute reizt, verwendete man es in früheren Zeiten als Schnupftabak, was zum Gattungsnamen „Nieswurz“ führte.

Bei der Ernte dieser magischen Pflanzen waren im Mittelalter spezielle Sammelrituale einzuhalten. Wer sie ausgraben wollte, hatte einen Kreis um die Pflanze zu ziehen, musste sich gen Osten wenden und ein Gebet sprechen. Sollte sich während des Ausgrabens ein Adler zeigen, musste der Erntende binnen Jahresfrist mit dem eigenen Tod rechnen. Doch diese Gefahr nahm man gern in Kauf, galt doch die Nieswurz als Hilfsmittel, um sich die ewige Jugend zu erhalten. Auch bediente man sich in früheren Zeiten der Christrose als Orakelblume. Dazu pflückte man in der Nacht vor Weihnachten zwölf Blütenknospen, für jeden Monat des Jahres eine. Daran, ob sie sich öffneten (= gutes Wetter) oder geschlossen blieben (= schlechtes Wetter), ließ sich das Wetter des kommenden Jahres voraussagen.

Entstanden ist die Christrose einer Legende nach in der Nacht von Christi Geburt. Ein Hirtenjunge wollte dem kleinen Kind ein Geschenk machen, hatte aber nichts, was sich zum Schenken eignete, und begann deshalb bitterlich zu weinen. Dort, wo seine Tränen auf die Erde trafen, blühte auf einmal mitten im Winter ein kleines weißes Blümchen, das der junge Hirte dem Neugeborenen in der Krippe zum Geschenk machen konnte. Weil sich Jesus so über diese Gabe freute, darf nun seit dieser Zeit die Christrose jedes Jahr zur Weihnachtszeit blühen! In der Blumensprache steht die Schneerose übrigens für die aufmunternden Worte „Nimm mir die Angst!“ Und die weißen Blüten der Christrose, die sich mitten im Winter öffnen, machen in dieser dunklen Jahreszeit Mut, dass auch das neue Gartenjahr wieder jede Menge wunderbarer Blumen hervorbringen wird!

O schöne Blume, die wir finden,
Da alle sonst der Frost geraubt.
Den Sieg des Lichtes zu verkünden,
Erhebst du überm Schnee das Haupt.
(Johannes Trojan)


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann