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Warum Hänsel und Gretel sich im Wald verirrten

Möglichweise haben sich Hänsel und Gretel im Wald verlaufen, weil sie dort auf ihrem Weg auf einen Wurmfarn stießen. Denn der Volkglaube ging davon aus, dass man in die Irre gehen würde, träte man unbeabsichtigt auf einen solchen Farn. Deshalb nennt man Dryopteris filix-mas auch »Irrwurz«. Noch zahlreiche andere Volksnamen verbinden sich mit dem hierzulande weit verbreiteten Farn und machen deutlich, wie wichtig seine Rolle im Volks- und Aberglauben einst war. Je nach Region nannte man ihn etwa auch Flöhkraut oder Glückshand, Wanzenkraut oder Wanzenwurz. Die Bezeichnung Bandwurmwurzel rührt beispielsweise daher, dass man den Wurmfarn einst als Heilmittel verwendete.

Doch war er den Menschen früherer Zeiten nicht ganz geheuer, weil seine Art sich zu vermehren Rätsel aufgab. Man wusste nämlich nicht, dass sich Farne mit Hilfe von Sporen fortpflanzen und somit keine Blüte und normale Samen bilden. Dies verleitete zu den merkwürdigsten Spekulationen. Man ging davon aus, dass der Farn heimlich blühen würde und zwar nur in einer einzigen Nacht des Jahres, um dann seinen ebenso sagenumwobenen Samen zu verstreuen. Dies geschehe in der Johannisnacht und brachte dem Wurmfarn den Namen »Johanniswurz« ein. Einer anderen Legende zufolge soll der Farn aus einem Blutstropfen entstanden sein, der bei der Enthauptung Johannes des Täufers auf den Boden fiel.

Der Finder der kostbaren Farnsamen konnte damit wahrlich Magisches bewirken. Wenn man sie sich in die Schuhe streute, wurde man sogleich unsichtbar. Und noch in Shakespeares Drama »Heinrich IV« heißt es: &raqou;Wir gehen unsichtbar, denn wir haben Farnsamen bekommen«. Außerdem sollten die Samen dazu befähigen, mit Tieren sprechen zu können, sollten Wünsche erfüllen oder ihren Besitzer mächtig und allwissend machen. Doch die Ernte der »Farnsamen« war äußerst gefährlich. Da auch Dämonen und Hexen an dem magischen Produkt interessiert waren, musste man sich zum Schutz mit einem Bannkreis umgeben und am besten noch einen Zauberspruch aufsagen. Kein Wunder, dass man den Wurmfarn auch als Teufelswisch, Hexenkraut oder Hexenleiter bezeichnete. Im englischen Raum gelten Farne übrigens bis heute als Wohnorte von schwatzhaften Feen und Kobolden. Wer nicht will, dass seine Geheimnisse ausgeplaudert werden, sollte also in der Nähe von Farnpflanzen tunlichst Stillschweigen bewahren.

Die Farnpflanze diente im Mittelalter häufig der Abwehr von Hexen und Dämonen und wurde daher gern in Gärten gepflanzt. Wer konnte, schützte sein Heim mit einem Büschel aus getrockneten Farnblättern vor Hagel und Blitz und glaubte, so das Glück ins eigene Haus zu locken. Die heilige Hildegard von Bingen schrieb daher über die geheimnisvolle Pflanze:

»Der Farn ist warm und trocken und hat auch ein mittleres Maß an Saft. Der Teufel flieht die Pflanze, und sie hat gewisse Kräfte, die an die der Sonne gemahnen, weil sie wie die Sonne das Dunkle erhellt. Sie vertreibt so Trugbilder, fantasias, und deswegen lieben sie die bösen Geister nicht. An dem Platze, an dem sie wächst, übt der Teufel sein Gaukelspiel selten aus, und das Haus, an dem der Teufel ist, meidet und verabscheut sie. Blitz, Donner und Hagel fallen dort selten ein, und auf dem Acker, auf dem sie wächst, hagelt es selten. Wer den Farn bei sich trägt, ist sicher vor den Nachstellungen des Teufels und vor bösen Anschlägen auf Leib und Leben.»

So wurde der Wurmfarn zu einer der beliebtesten Pflanzen des Mittelalters, und die Jagd nach der vermeintlich existierenden Farnblüte und ihren »Samen« lockte ganze Heerscharen von glückssuchenden Menschen in die Wälder, vor allem in der bereits erwähnten Johannisnacht. Daher sahen sich die hohen Herren beim Konzil von Ferrara 1612 gezwungen, dem »Farnwahn« ein Ende zu machen und verboten kurzerhand das Sammeln des Farns und seiner »Samen«. In einem »Landgebot wider den Aberglauben« drohte Herzog Maximilian I. von Bayern denjenigen mit drakonischen Strafen, die sich dem Sammelverbot widersetzten. Ob das die Menschen davon abgehalten hat, auf die Jagd nach dem magischen »Wünschelsamen« zu gehen?


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann