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Großer Kosmos – kleiner Kosmos, kleiner Kosmos – großer Kosmos (Teil1)

Alexander von Humboldts Erkenntnisse von der weltweiten Vernetzung der Natur gelten ebenso in unserem kleinen Lebensraum Garten.

Teil I des Vortrags von Wolfram Franke,
gehalten am 14. und 15. September 2019 während der »Illertisser Gartenlust«

 

Vor 250 Jahren, am 14. September 1769 wurde Alexander von Humboldt in Berlin geboren. Als Heranwachsender erhielt er zusammen mit seinem Bruder Wilhelm Unterricht von einem Privatlehrer, so, wie es damals in reichen Adelsfamilien üblich war. Doch viel mehr als der Unterricht interessierte ihn die Natur. So oft er konnte, streifte er durch die Wiesen und Wälder und sammelte Steine, Pflanzen und sogar Tiere, die er gründlich untersuchte.

Seinen Vater verlor er früh, und seine gestrenge Mutter verlangte, dass er studiert. Zunächst begann er ein Studium an der Handelsakademie in Hamburg. Sein großes Fernweh führte ihn immer wieder an den Hafen, wo er die Handelsschiffe aus fernen Ländern einlaufen und wieder in die weite Welt segeln sah.

Bald aber wechselte Humboldt das Studienfach. Er zog in die sächsische Kleinstadt Freiberg, wo er Bergbau studierte. So oft er konnte, stieg er ins Bergwerk hinab, erkundete die Gesteinsschichten und die einzelnen Mineralien. In der Rekordzeit von acht Monaten konnte er sein Studium abschließen und wurde zum Bergbauassessor ernannt. Diese Position ermöglichte es ihm, Einblick in viele Bergwerke zu bekommen. Auch später, auf seinen vielen Reisen, besichtigte er Bergwerke, wo immer sie in der Nähe lagen.

Ich greife an dieser Stelle etwas vor: Aus der Erfahrung seiner viele Besichtigungen von Bergwerken wusste er, dass dort, wo Gold vorkommt, immer auch Diamanten zu finden sein müssen. Deshalb war er, im Alter von fast 60 Jahren im russischen Ural unterwegs,  davon überzeugt, dass er auch dort Diamanten finden würde. Seine russischen Kontaktpersonen und Begleiter hielten dies für unmöglich. Manche erklärten ihn gar für verrückt. Doch dann fand einer seiner Reisebegleiter tatsächlich Diamanten in einem Bergwerk in Jekaterinburg!

Diamanten: So oder so
In unserem Garten gibt es kein Bergwerk. Und wir werden darin auch keine Diamanten finden. Dennoch gibt es darin einiges zu erkunden und zu entdecken.

Vielleicht müssen auch Sie einmal in Ihrem Garten ein tiefes Loch graben, so wie ich vor sechs Jahren, als ich die Grube für meinen Badeteich aushob. Darin konnte ich die einzelnen Bodenschichten betrachten: Mein Wohnort liegt auf der »Münchner Schotterebene«. Was das heißt, erfuhr ich, als ich die unterste Schicht der 1,70 Meter tiefen Grube aushob. Sie besteht aus kleinen und großen Kieselsteinen, aus Schotter. Darüber liegt eine lehmige, etwas klebrige Schicht. Im Garten- und Landschaftsbau nennt man sie korrekt »Unterboden«. In Bayern sagt man »Rotlage« zu dieser Schicht. Darüber liegt der Mutterboden, den man im GaLa-Bau korrekt »Oberboden« nennt. Im Idealfall ist diese Schicht mit Humus bedeckt.

Auf seinen Reisen hat Humboldt alles, was ihm in der Natur begegnete, gemessen und notiert. Er war davon überzeugt:

»Der Mensch kann auf die Natur nicht einwirken, sich keine ihrer Kräfte aneignen, wenn er nicht die Naturgesetze nach Maß- und Zahlenverhältnissen kennt.«

Das gilt auch für unseren Garten. Natürlich wollen wir, wie alle ernsthaften Gärtnerinnen und Gärtner wissen, wie der Boden beschaffen ist. Dazu nehmen wir Bodenproben. Wir heben auf unserem Gemüseland an zehn locker verteilten Stellen mit dem Spaten eine Scholle aus, streifen in jedem Loch mit einer Pflanzschaufel von unten nach oben Erde ab, sammeln diese einzelnen Entnahmen in einem sauberen Gefäß und vermischen sie miteinander. Dann können wir zunächst einmal den pH-Wert feststellen. Das geht ganz einfach mit Lackmusstreifen oder ähnlichen Indikatoren. Der pH-Wert ist der Schlüsselwert für die Aufnahme von Nährstoffen aus dem Boden. Die meisten Pflanzen können sich am besten mit Nährstoffen versorgen, wenn der Boden weder zu sauer noch zu alkalisch ist. Als idealer Wert, bei dem die meisten Pflanzen am besten gedeihen, gilt pH7. Man bezeichnet ihn auch als Neutralpunkt. Nur Moorbeetpflanzen oder Rhododendren bevorzugen einen sauren Boden, in dem sie besser ihren Bedarf an Spurenelementen decken können (z. B. Eisen, das sie zur Bildung von Blattgrün (Chlorophyll) benötigen.

Wer genau wissen will, welche Nährstoffe der Boden in welchen Mengen enthält, schickt die entnommene Mischprobe an ein Bodenlabor. Ich ziehe ein privates Labor den staatlichen »Lufas« vor, denn es untersucht auch die Nährstoffreserven des Bodens und liefert auch für Laien verständliche Empfehlungen zur Düngung, auch mit Kompost und organischen Düngern.

»Bergwerke« und »Diamanten« in unserem Boden
Die herbstlichen Blätter von Bäumen und Sträuchern, abgestorbene Kräuter und Gräser bedecken den Boden. Sogleich siedelt sich eine Vielzahl von Kleintieren und Mikroorganismen in dieser Schicht organischer Abfälle an und beginnt, sie zu zersetzen: Asseln, Tausendfüßer, Mikropilze und Bakterien. Dann treten Regenwürmer, genauer Erdwürmer (Lumbricus terrestris) in Aktion. Man könnte diese Regenwürmer als die Bergleute unseres Gartens bezeichnen und das System von vielen Gängen als Miniaturbergwerk. Allerdings holt der Regenwurm nichts aus dem Boden heraus. Vielmehr nimmt er diese zerkleinerte organische Substanz auf und zieht sie in den Boden hinein. Dort nimmt er außerdem Mineralien aus dem Unterboden auf, verbindet beide in seinem Darmtrakt und scheidet sie aus. Sie haben sicher schon oft nach einem Regenguss die Regenwurmkothaufen auf dem Rasen gesehen. Die bestehen aus kleinen Krümeln, die locker aufgebaut und dennoch stabil, aber auch gut durchlüftet sind. Diese Krümel sind nährstoffreich und können auch ein hohes Maß an Wasser und Nährstoffen speichern. Mit ihnen kleidet der Regenwurm seine Gänge aus.

Bodenkundler nennen diese Krümel »Ton-Humus-Komplexe«. Eine Pflanze kann sich mittels ihrer Faserwurzeln an diesen Ton-Humus-Komplexen nach ihrem Bedarf bedienen. Und wann besteht dieser Bedarf? Wann braucht die Pflanze Nährstoffe? – Wenn es hell, warm, wenn der Boden feucht und durchlüftet ist, wenn also die anderen vier Wachstumsfaktoren in optimalem Maß zur Geltung kommen. Dann kann die Pflanze wachsen und braucht Nahrung, die sie aus den Ton-Humus-Komplexen bezieht.

Mit keinem Mineraldünger (im Volksmund »Kunstdünger« genannt) kann man die Ernährung der Pflanzen besser dosieren als über die Ton-Humus-Komplexe. Streut man beispielsweise Blaukorn, einen beliebten Kunstdünger, so lösen sich dessen Körner bei Regen wie Zuckerstückchen auf. Die Nährstoffe rieseln mit dem Regenwasser in den Boden, die Pflanze nimmt mit ihren Wurzeln auf, was sie gerade erhaschen kann und wird im ungünstigen Fall aufgepuscht, was weiche Zellen und damit erhöhte Anfälligkeit gegenüber Krankheiten und Schädlingen zur Folge hat. Die restlichen Nitrate und Phosphate landen im Grundwasser. Die negativen Folgen sind bekannt!

Streut man dagegen einen organischen Dünger, so muss er, wie die auf den Boden fallenden Pflanzenreste, erst von den Mikroorganismen zerkleinert, von Regenwürmern aufgenommen, mit Mineralien verbunden und als Ton-Humus-Komplex ausgeschieden werden. – Ein recht langwieriger Prozess, der aber für die Pflanzen optimal ist! Ich behaupte sogar, dass die Ton-Humus-Komplexe die Diamanten unseres Bodens sind. Man kann sie zwar nicht als Ring am Finger tragen und auch nicht in klingende Münze umwandeln - aber man könnte sich durchaus darüber streiten, welche von beiden die wertvolleren Diamanten sind. Der »echte« am Finger ist zwar schön, jedoch eigentlich nur eine Reserve für schlechtere Zeiten, im Übrigen aber völlig nutzlos. Unsere Diamanten im Boden dagegen liefern ständig Nahrung für die Pflanzen, die wiederum zum Teil unsere Nahrung sind.

Das Schöne daran: Wir können diese Diamanten mit Hilfe der Mikroorganismen und Regenwürmer sogar selber erzeugen. Und das ist gar nicht schwer.

Unkraut? – keine Panik!
»Traue nicht dem Ort, an dem kein Unkraut wächst!« – Dieses Zitat stammt nicht von Alexander von Humboldt sondern von Karl Foerster (1874 -1970), dem berühmten Staudenzüchter, Gartenschriftsteller und Gartenphilosophen aus Bornim bei Potsdam. Mit anderen Worten ausgedrückt: Wo noch nicht einmal Unkraut wachsen kann, wie sollen da Bäume, Sträucher, Stauden, Obst, Gemüse und Kräuter gedeihen?

Diese sogenannten Unkräuter haben im Ökosystem alle eine Aufgabe. Zum Beispiel die Brennnessel. Haben Sie einmal Brennnesseln gerodet? Eine lästige, manchmal sogar schwere Arbeit! Aber haben Sie einmal die Erde in die Hand genommen, in der die Brennnesseln gewachsen sind? Sie ist wunderbar locker und feinkrümelig. Besser können wir sie uns gar nicht wünschen! Die Brennnessel ist eine Zeigerpflanze. Sie zeigt uns nährstoff-, vor allem stickstoffreichen Boden an. Sie ist auch eine Heilpflanze. Man kann aus ihren Blättern einen Tee kochen und für Männer im fortgeschrittenen Alter, so wie ich, soll ein Sud aus der Wurzel Prostatabeschwerden vorbeugen.

Im vorigen Jahr fand ich auf einer Brennnessel in meinem Garten eine Ansammlung von Raupen. Da gibt es Leute, die bei einem solchen Anblick in Panik geraten und gleich zur Giftspritze greifen. Aber nein! Raupen, die sich von Brennnesselblättern ernähren, sind auf diese Wirtspflanze spezialisiert und interessieren sich nicht für Kulturpflanzen. Der Salat daneben bleibt also unbehelligt. Ich musste erst in einem Buch nachschlagen, um welche Art Raupen es sich handelt. Sie gehörten zum Kleinen Fuchs, einem prächtigen kleinen Schmetterling, der schon seit Jahren Gast in unserem Garten ist. Auch andere Schmetterlinge legen ihre Eier auf der Brennnessel ab, zum Beispiel der Admiral, der ebenfalls seit Jahren in unserem Garten wohnt. Deswegen lasse ich, an Stellen wo sie nicht stören, immer ein paar Brennnesseln wachsen.

Gründüngung und Bodendecke
Wie die Brennnessel sorgen auch andere Wildkräuter dafür, dass der Boden immer bedeckt bleibt. Nur so können die Mikroorganismen im Boden leben, sich ernähren und vermehren. Im Garten bedecken wir freie Bodenflächen mit Pflanzenabfällen, wir mulchen. Gut eignet sich dafür Rasenschnitt. Ich habe aber in meinen beiden Gärten keinen Rasen. Stattdessen säe ich Perserklee zwischen meinen Gemüsereihen. Dieser einjährige Klee läuft innerhalb von zwei Tagen auf und wächst sehr schnell. Wenn er zehn Zentimeter oder etwas mehr erreicht hat, schneide ich ihn mit der Rasenschere ab und lasse das Schnittgut als Mulch liegen. Da Perserklee, so wie alle Kleearten, zu den Schmetterlingsblütlern (Leguminosen) gehört, die durch ihre Symbiose mit den Knöllchenbakterien Stickstoff aus der Luft sammeln, habe ich mit dieser Maßnahme gleichzeitig meinen Gartenboden mit Stickstoff gedüngt. Das Schöne an diesem einjährigen Klee: Er wächst immer wieder nach bis zum ersten Frost. Dann stirbt er ab und bleibt bis ins nächste Frühjahr hinein als Mulch liegen. Mit dem Mulchen schützen wir den Boden vor Austrocknung, aber auch vor Kälte. Die Mikroorganismen können unter der schützenden Decke weiter aktiv sein und zusammen mit den Regenwürmern unsere Diamanten des Bodens erzeugen, die Ton-Humus-Komplexe.

Vorbild Wald
Das Mulchen haben wir uns von der Natur abgeschaut. Am deutlichsten sehen wir es im Laubwald. Die Bäume verlieren regelmäßig im Herbst ihre Blätter. So entstand im Lauf vieler Jahre und Jahrzehnte eine Humusschicht. Die darin lebenden Mikroorganismen bekommen regelmäßig Nahrung.

Im tropischen Regenwald fallen die Blätter nicht wie bei uns einmal pro Jahr im Herbst. Stattdessen findet ein ständiger Austausch statt. Ständig fallen welke Blätter oder andere Pflanzenteile herab, ständig sprießen aus dieser Humusschicht neue Pflanzen empor. Diese Humusschicht speichert Regenwasser, sie saugt es auf wie ein Schwamm. Davon leben die Bäume und Sträucher des Regenwalds. Und sie verdunsten ständig Wasser.

Humboldt sagte über den Wald, womit er vor allem auch den Regenwald meinte:

»Die Waldregion wirkt auf dreifache Weise: Durch Schattenkühle, Verdunstung und Kälte erregende Ausstrahlung«

Seine Ausdrucksweise mutet heute vielleicht antiquiert an, doch wir wissen, was gemeint ist. Hinzu kommen die ständige Speicherung von CO2 und die Freisetzung von Sauerstoff. Der Regenwald ist die grüne Lunge unseres Planeten!

Auch zu Humboldts Zeit wurde schon Regenwald zerstört. Und er wusste um die Gefahren für die Umwelt. Doch so sehr er bereits damals schon als Wissenschaftler verehrt wurde, so wenig hat man bis heute dazugelernt. Der Regenwald wird in Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern massiv zerstört, durch »Brandrodung« oder Rodung durch Bulldozer.

Wozu diese Zerstörung wider besseres Wissen? – Für die Rinderzucht. Das Fleisch für die Steaks bekommen wir nach Europa geliefert. Können wir denn nicht unsere eigenen Rinder essen?

Hinzu kommt der Anbau von Soja. Und der findet wohl kaum nach biologischen Richtlinien statt. Im Gegenteil: Unsere chemische Industrie wie Bayer/Monsanto, BASF und andere exportieren all die Gifte dort hin, die hierzulande längst verboten sind. Und man kann sich denken, dass es weder Schutzkleidung noch Atem- und Augenschutz für die Arbeiter gibt, die diese Gifte ausbringen müssen! Und wer weiß, ob dieses Soja nicht gentechnisch manipuliert ist. Es wird als Kraftfutter für das Vieh deutscher und europäischer Bauern zu uns geliefert. So bekommen wir all das, was wir hier aus Umwelt- und Gesundheitsgründen aus unserer europäischen Landwirtschaft verbannt haben, durch die Hintertür wieder auf unseren Tisch.

Früher war die Landwirtschaft anders organisiert. Da hatte jeder Bauer gerade mal so viel Vieh, wie er mit seinen Weiden ernähren konnte, und dieses Vieh produzierte so viel Mist und Gülle wie er für seine Felder brauchte. Heute bekommen die Bauern Kraftfutter aus Südamerika. Und vor Gülle können sich die großen Viehhalter kaum noch retten.

Doch zurück zu Humboldt und dem Regenwald:
»Hat eine Gegend erst einmal ihre Pflanzendecke verloren, ist der Sand beweglich und quellenleer, hindert heiße, senkrecht aufsteigende Luft den Niederschlag der Wolken, so vergehen Jahrtausende, ehe von den grünen Ufern aus organisches Leben in das Innere ihrer Einöde eindringt«.

Nach der Rodung des Regenwalds ist der Wasserkreislauf auf diesen nun kahlen Flächen gestört. Und gerade der ist ja unerlässlich für neues Leben. Im noch unberührten Regenwald saugt die Humusschicht den größten Teil des Wassers auf. Nur eine geringe Menge sickert in tiefere Schichten. Die Bäume und anderen Pflanzen des Waldes nehmen diese Feuchtigkeit auf, und auch aus der Humusschicht steigt Feuchtigkeit auf. In diesem feuchtwarmen Klima gedeihen die Pflanzen hervorragend. Sie entwickeln große Blattmassen, mit denen sie Sauerstoff in unsere Atmosphäre freisetzen.

Sind aber die Bäume und Sträucher des Regenwalds gerodet, ist die Humusschicht abgeräumt, versickert das Regenwasser sofort im Boden. Nichts wird mehr gespeichert. Es gibt keine Nahrung mehr für Humus bildende Mikroorganismen. Die Wüste ist öde und leer.

Sieht es bei uns besser aus? Das erfahren Sie in Kürze in Teil II von Wolfram Frankes Vortrag!


Text und Fotos: Wolfram Franke