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Gräser – wertvoller denn je!

Ungewöhnlich trocken und unentschieden hat sich der Sommer 2016 hier in der Mitte des Landes aufgeführt, uns nie auch nur für ein paar Tage stabile Wetterverhältnisse beschert – und hat sich davongestohlen, während wir noch auf ihn warteten. Den sonnendurchfluteten September mit seinem heißen Wind konnten wir zumindest mit Blick auf den Garten trotzdem nicht recht genießen, die Trockenheit steigerte sich so bedrohlich, dass Wassergaben gerade mal die größte Not lindern konnten. Selbst die Landwirte hier in der Region sind sich einig, so etwas in den letzten 40 Jahren nicht erlebt zu haben. Aber nun ist der erste ersehnte Regen seit einer gefühlten Ewigkeit gefallen und der Blick auf all die herrlichen, leuchtenden Farben des Herbstes, das große Finale des Gartenjahres, wird allmählich wieder unbeschwerter.

Die Gräser gehören eindeutig zu den Helden dieser Saison. Es ist wirklich erstaunlich, wie sie trotz ausbleibenden Regens, des ständigen Wechsels kalter und warmer Tage und nun auch noch später wochenlanger Hitze und zusätzlich austrocknendem Wind ihre Vitalität bewahren konnten.

Schon lange, bevor uns das sich ändernde Klima vor die heutigen gärtnerischen Herausforderungen stellte, befand Altmeister Karl Foerster: „Gras ist das Haar der Mutter Erde. Die Gärten haben es bisher nur im geschorenen Zustand gefeiert!“ Und Foerster wäre nicht Foerster gewesen, wenn er es bei diesem Ausruf belassen hätte. Er erkannte ihren unschätzbaren Wert und verstand es schon damals, Gräser virtuos zu inszenieren.

Karl Foerster – und natürlich seinen großartigen Schülern und Nachfolgern in der ganzen Welt – verdanken wir eine inzwischen phantastische Gräser-Palette für alle erdenklichen Pflanzsituationen. Kein Garten muss heute auf dieses faszinierende Thema verzichten. Wie hätten Sie es gern: Spielerisch leicht oder monumental, strukturierend oder poetisch, bodendeckend bescheiden oder prachtvoll und opulent? Sie haben die Wahl!

Ganz erstaunlich bewähren sich im unzuverlässig gewordenen Wettergeschehen die malerischen Windbräute der Gattung Molinia. Besonders die prachtvollen Sorten der hohen Pfeifengräser (arundinacea) erweisen sich als völlig unkompliziert. Sie zeigen bereits früh im Jahr ihre vitalen grünen Schöpfe, so dass man sie in der Beetgestaltung bereits für Frühjahrsaspekte einplanen kann. Das verhält sich z.B. bei den schönen und ebenfalls genügsamen Zierhirsen (Panicum) ganz anders, sie sind echte Langschläfer, so dass man sorgfältig darauf achten muss, sie in einer gemischten Rabatte so zu pflanzen, dass ihnen nicht schnell in die Höhe schießende „Frühaufsteher“ das Licht nehmen, weil sie sich dann kaum mehr entwickeln können oder sogar verkümmern.

Diese Vorsicht muss man bei Pfeifengräsern nicht walten lassen. Trotzdem sie bei uns im Forsthaus-Garten zum Teil auf nicht besonders guten Böden stehen, hat die Trockenheit dieses Sommers sowohl dem stattlichen 'Windspiel' als auch meiner sich zu einem hohen weithin leuchtenden goldenen „Fächer“ entwickelnden Lieblingssorte 'Cordoba' (eine alte Pagels-Züchtung), nicht geschadet. Ob Sonne oder Halbschatten – Pfeifengräser kommen mit beidem zurecht. Die aparten niedrigeren Sorten der Moor-Pfeifengräser (caerulea) brauchen zum Gedeihen zwar keine Moorstandorte, wie der Name vermuten lässt, Trockenheit tolerieren sie jedoch weniger gut als die hohen Sorten, das sollte man bei der Auswahl bedenken. Alle, ob groß oder klein, lieben es, sich schon beim leisesten Windhauch dekorativ zu wiegen. Wenn der Herbstwind kräftig pustet, zeigen sie sich geschmeidig und biegsam. Nach dem Spektakel schütteln sie einfach munter ihre Mähnen – war da was? Ihr goldenes Herbstkleid bleibt bei milder Witterung noch lange attraktiv. Erst wenn die winterlichen Fröste durchs Land ziehen, ist es mit der Pracht vorbei.

Wie es weitergeht im Klimakrimi, wird von einer Reihe von Faktoren abhängen – derzeit wissen wir Gartenleute es so wenig wie das Heer der Experten. Uns bleibt, wachsam zu beobachten, den Herausforderungen mit kluger Pflanzenwahl zu begegnen und uns vor allem die Freude am Gärtnern nicht nehmen zu lassen!

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Bis zum nächsten Mal…


Text und Fotos: Angelika Traub