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Goethes Lieblingsspeise

Schade, dass die Aromafotografie noch nicht erfunden ist. Sonst könnten Sie mit einem Mausklick an meinen Fotos schnuppern. Diese kleinen Rübchen, die Sie dort sehen, sind eine Delikatesse!

Vom Arme-Leute -Essen zur Delikatesse

Teltow (sprich: „Telto“!, nicht „Teltoff“) ist eine kleine Stadt, die unmittelbar an die südliche Stadtgrenze von Berlin anschließt. Dort wurde dieses Rübchen vermutlich schon seit dem 13. Jahrhundert von den Bauern nach der Roggenernte auf den Stoppelfeldern ausgesät und sicherte ihnen die Ernährung im Winter. Der Große Kurfürst von Brandenburg (1620 – 1688) wusste das Teltower Rübchen zu schätzen und sogar die Soldaten Napoleons brachten die „Navets de Teltow“ an den französischen Hof.

Im 50-Liter-Fässern nach Weimar

Doch der berühmteste Genießer der Rübchen war Johann Wolfgang von Goethe, der sie während eines gemeinsamen Mahls mit seinem Freund, dem Berliner Komponisten Carl Friedrich Zelter zu Anfang des 19. Jahrhunderts kennen lernte. Von da an ließ er sich Teltower Rübchen in 50-Liter-Fässern nach Weimar schicken – der Transport mit der Postkutsche dauerte drei Wochen – wo er um die Weihnachtszeit Freunde zu festlichen Mahlzeiten einlud, bei denen es zu Hecht, Zander, Hammel- und Gänsebraten immer auch Teltower Rübchen gab. Auch der Philosoph Immanuel Kant war von ihnen begeistert und ließ sie sich nach Königsberg schicken.

Die Rettung der Rübchen

So wurde Teltow für seine Rüben berühmt. Doch mit dem Bau des Teltowkanals, der im Süden von Berlin die Spree mit der Havel verbindet, begann Anfang des vorigen Jahrhunderts in der Stadt die Industrialisierung. Viele Bauern tauschten die mühselige Landarbeit auf kargem Boden gegen besser bezahlte Arbeit in den Fabriken ein, und so ging der Anbau der Rübchen zurück – in der DDR wurde er ganz eingestellt. Doch ein paar wenige Teltower Gartenfreunde vermehrten das Rübchen weiter. Und nach der Wende nahm sich der Teltower Agraringenieur Axel Szilleweit dem Delikatessgemüse an und kultiviert die Rübchen seither in seiner Gärtnerei.

Unverwechselbar

Fälschlicherweise werden oft andere Speiserüben als Teltower Rübchen bezeichnet, so zum Beispiel Mairüben. Die echten Teltower Rübchen sind weißlich bis hellbraun und haben zerklüftete Wurzeln. Typisches Merkmal der echten Teltower Rübchen sind ihre braunen Querstreifen. Man sät sie von Juli bis Mitte August. Der Boden muss sehr locker sein, ähnlich märkischem Sandboden. Man baut sie genauso an wie Radieschen. Allerdings werden die Rübchen von Schnecken und der Kohlfliege heimgesucht. Vorsichtshalber sollte man die jungen Sämlinge mit einem Gemüsefliegennetz abdecken.

Vorsicht: Schnecken und Fliegen!

Das echte Teltower Rübchen gibt es nur in Teltow. Man bekommt es nur dort oder in der näheren Umgebung in einigen Restaurants und auf Märkten oder beim Erzeuger selber, von dem man auch den Samen beziehen kann. Ich habe die Rübchen in meinem Kreativgarten im oberbayerischen Vaterstetten ausgesät. Mit wechselndem Erfolg. Man muss schon sehr wachsam in Hinblick auf die Kohlfliege und Schnecken sein. Doch das Rübchen lässt sich leicht durch Samen vermehren. Man braucht nur auf die Ernte einiger Pflanzen zu verzichten und sie im April/Mai nächsten Jahres blühen zu lassen. Die Blüte ähnelt der von Raps und Senf. Danach bilden sich feine Schoten, die man ausreifen lässt, abpflückt und in einem Gefäß aufspringen lässt, wo dann der Samen herausfällt.

Wie einst bei Goethe

Bei uns gibt es Teltower Rübchen immer zu Weihnachten – so wie einst bei Goethe! Doch ich kann sie frisch ernten, wenn ich will noch bis in den März hinein. Die Rübchen vertragen Fröste von mehr als – 20°C! Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn ich nur an sie denke. Teltower Rübchen sind einfach eine Delikatesse! Und wenn ich aus meinem eigenen Garten nicht genug zusammen bekomme, dann schickt mir mein Sohn ein ganzes Paket voll. Der wohnt seit ein paar Jahren in Potsdam und ist genauso begeistert von den Rübchen wie ich …

Mehr über den Kreativgarten von Wolfram Franke unter www.gartenschreiber.de


Text und Fotos: Wolfram Franke