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Gladiolen aus Abessinien

Seitdem ich Blumenzwiebelkataloge kenne – den ersten hielt ich bereits im Alter von etwa 12 Jahren in den Händen – gefallen mir die Abessinischen Gladiolen. Damals hießen sie noch botanisch „Acidantera“; heute sind sie der Gattung „Gladiolus“ zugeordnet. Doch es dauerte lange, gut 20 Jahre, ehe ich sie das erste Mal selbst in einem Garten ausprobiert hatte. Ich weiß gar nicht, warum ich so viele Gartensaisons gebraucht hatte, um sie einmal selbst zu pflanzen. Am Preis kann es nicht liegen, denn die Knollen waren stets sehr günstig und gehören auch heute noch zu den preiswertesten im Regal der Blumenzwiebeln und -knollen.

Doch irgendwie traute ich mich nicht so recht heran an diese Blütenschönen. Ich hatte das unbestimmte Gefühl, dass sie heikel in der Pflege sind – zu raffiniert wirken die Blüten, zu exotisch war ihre Gestalt. Vielleicht liegt es daran, dass ich bei einigen anderen Arten sommerblühender, fremdländisch aussehender Pflanzen trotz mehrerer Anläufe gärtnerischen Schiffbruch erlitten hatte. Freilandfreesien etwa bekomme ich bis zum heutigen Tag nicht wirklich erfolgreich zur Blüte, oder großblumige Ranunkeln, wenn ich deren Knollen setze. Anders als bei anderen Pflanzenfans wollen diese beiden bei mir nie so recht wachsen und blühen. Ob ich auf solche Pflanzen mit schlechten Schwingungen einwirke, dass sie eingeschüchtert in ihren unterirdischen Speicherplätzen verharren?

Von den Abessinischen Gladiolen ließ ich also die Finger bis es wieder einmal April war und ich wie jedes Jahr überlegte, welche neue Pflanze ich den dieses Jahr kennen lernen wollte. Ein Kübel mit guter Blumenerde war schnell gefunden und bepflanzt.

Einige Wochen später regte sich etwas. Die Austriebe sahen völlig gleich aus wie die von Gladiolen – schwertförmig durchstießen die Blätter die Oberfläche des Substrates. Doch im Laufe des Wachstums verloren sie die Straffheit der bekannten Vasenblumen ein wenig; völlig ausgewachsen neigten sich die Blätter im oberen Viertel leicht und elegant über. Der Hochsommer war angebrochen und sehr bald stellte sich heraus, dass die Blütenschäfte inmitten der Blätter unentdeckt heran gewachsen waren. In den obersten Zonen, zwischen dem Laub das dort etwas auseinander weicht, lugten nun die dünnen aber stabilen Stiele heraus und trugen sieben, acht, neun Knospen, die sich ähnlich wie große Garten-Gladiolen als endständige Traube präsentierten. Anders aber als bei den opulenten Schwestern blieb der Blütenschaft nicht straff aufrecht, sondern neigte sich ebenso wie das Laub vornehm über. Wenige Tage später öffnete sich die erste Knospe: Wow. Die Blüte war rein weiß; ihre sechs Blütenblätter formten ein Dreieck mit der Spitze nach unten und wurden belebt durch tief purpurrote Bänderungen, die sich ebenfalls zu einem Dreieck formierten. Es schien als hätte eine weiße Wildgladiole sich eine dunkle Augenmaske zugelegt.

Wie gesagt standen die Pflanzen in einem Gefäß und das stand auf der Terrasse. Nach wenigen Tagen waren mehrere Blüten aufgeblüht und wir saßen im Freundeskreis am Abend bei einem Glas Rotwein zusammen. Fast gleichzeitig bemerkten wir, dass ein feiner lilienähnlicher Duft durch die Dämmerungsluft schlich der von den Abessinischen Gladiolen herrührte und sich in der warmen Sommernachtsluft verstärkte. Mehr noch! Mit zunehmender Dunkelheit leuchteten die Blüten im Schein der Windlichter auf und zogen Nachtfalter an. Raffiniert, dachte ich, denn nun wiesen die dunklen Zonen auf den Blüten den hungrigen Schmetterlingen den Weg zu ihrem Paradies – denn Nektar gab es freilich nur in der Mitte der Blüten. Eindeutig! Diese Blumen gehören zu den „Nachtduftern“ und eignen sich bestens als Begleiter von lauen Sommerabenden auf einer Terrasse. Da sich der Blütenflor über einige Wochen hinzog, konnten wir in jenem Sommer noch so manches Mal dieses Spektakel genießen.

Aber wie jeder Sommer, endete auch dieser. Und nun überlegte ich, wie ich diese Pflanzen durch den Winter bringen sollte. Ich wollte sie um keinen Preis verlieren und selbst, wenn die Knollen nicht viel Geld kosten, hatte ich den Ehrgeiz, meine Abessiner am Leben zu erhalten und nicht durch Neukäufe zu ersetzen. Was wäre die beste Taktik, um die Knollen vor Frost zu schützen? Ich kam zu keinem Ergebnis, wie bekannt bin ich ja auch eher schusselig und verlor diese Aufgabe ein wenig aus den Augen. Als nun die ersten Fröste das Laub der Dahlien bereits geschwärzt hatte, musste ich aber handeln. Kurzerhand nahm ich den Kübel so wie er war und stellte ihn komplett mit Erde in einen frostfreien Keller neben die Fahrräder, die ebenfalls vorerst ausrangiert waren. Auch diese Verlegenheitslösung erwies sich als überraschend richtig. Und wurde zufällig von einer Expertin legitimiert, die es genauso handhabt, und lediglich im Frühling etwas Erde austauscht, ehe die Töpfe wieder ans Licht kommen. Das hat den Abessinischen Gladiolen in keinem Jahr bisher geschadet.

In diesem Jahr aber ist es das erste Mal soweit: Ich werde die Schönheiten frei lassen. Zwischen hohen Rosenbüschen, sollen sie nämlich die Königslilien in der Blüte ablösen und gemeinsam mit weißem Ziertabak die Nächte im Schrebergarten durchduften. Überflüssig zu erwähnen, dass dieses Beet an das kleine Rasenstück angrenzt auf dem wir immer die Tische aufbauen, wenn gegrillt werden soll. Und: Dieses Beet ist durch Kaninchendraht im Boden zuverlässig vor Wühlmäusen geschützt. Ich bin mir noch nicht schlüssig, ob ich die Knollen im Herbst wieder aus dem Boden holen soll, oder es auf einen Versuch ankommen lasse – vielleicht sind sie doch härter als man meint. Ein Freund von mir hat schließlich sogar großblumige Gladiolen im Boden gelassen, die – wenn auch gut 30 cm tief gepflanzt – jahrelang in Westfalen ausgehalten hat. Sicherheitshalber werde ich eine große Laubschütte als Schutz aufbringen. Und sollte es doch schief gehen, bin ich um eine Erfahrung reicher und habe ja immer noch die Knollen in meinem Topf. Mögen mir die Abessiner nie ausgehen …

Achja – und ehe ich es vergesse. Vielleicht finden Sie beim Stöbern in Büchern und im Internet keine Pflanze, die im Deutschen als „Abessinische Gladiole“ bezeichnet wird. Dieser Name ist recht alt und scheint ein wenig aus der Mode gekommen zu sein. Mittlerweile hat sich das ebenfalls hübsche Wort „Sterngladiole“ eingebürgert. Doch ich bleibe bei der älteren Bezeichnung, denn sie beschwört den Zauber eines fernen Landes und seiner exotischen Geschichte herauf. Ich stelle mir dann vor, dass diese Knollen mit einer Kamel-Karawane aus dem Orient in unser Land gebracht wurde und nun als kostbare Rarität im geheimen Garten eines Lords wachsen kann. Bitte nehmen Sie mir diese blumige Fantasie nicht übel – was wären Blumengeschichten ohne sie.


Text und Fotos: Andreas Barlage