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Gift- und Zauberpflanzen

Noch hat kein Frost über Nacht die verdorrten Stängel im Schaugarten weiß bestäubt, die Triebe der Wintergrünen – all die Mittelmeerkräuter! – überzuckert, die Blätter der zähen Stauden gebleicht. Aber das Laub ist nun von den Bäumen gefallen, nur einige Stieleichen halten noch ledrige Reste.

Immer noch vereinzelte Blüten bei den Unentwegten: Immergrün Vinca minor mit leuchtend blauen Rädchen, Färberkamille Anthemis tinctoria mit hellgelben Mar-geritenblüten, Wilde Malve Malva sylvestris und sogar ein verspäteter Lavendel.

Aber interessant gibt sich jetzt das Beet mit den Gift- und Zauberpflanzen.

An der Tollkirsche Atropa bella-donna welken die Blätter, aber die glänzenden, schwarzen "Kirschen" in den Achseln fallen umso mehr auf. Am Beet steht eine gelbe Warntafel, auf der es unter anderem heißt "Achten Sie auf Kinder".

Die Alraune Mandragora autumnalis hat erst im September wieder ausgetrieben. Sie zieht im Sommer ein, breitet dann aber neu große, dunkelgrüne, geaderte Blätter aus. Geblüht hat sie in diesem Jahr nicht, vielleicht ist die Pflanze noch zu jung. Sonst würden gelbe, gut kirschgroße Früchte die Mitte der Staude verzieren. Die Alraune galt früher als die Zauberpflanze schlechthin. In ihrer verzweigten Speicherwurzel sah man Menschengestalten ausgebildet, sie sollte zu vielerlei Beschwörungen dienen. Angeblich wirkte Alraune auch als Aphrodisiakum – oder, so Hildegard v. Bingen, zum Gegenteil … Die Pflanze ist sehr giftig, nur in der Homöopathie findet sie noch eine Verwendung.

Mit gelb-weißen, nach innen zu rötlichen Trichterblüten schmückt sich immer noch das Bilsenkraut Hyoscyamus niger, eine legendäre Giftpflanze, mit der bei Shakespeare Hamlets Vater ermordet wurde. Bilsenkraut-Extrakt ist als einer der wichtigsten Bestandteile von "Hexensalben" überliefert – die berauschende und narkotisierende Wirkung war bekannt, die den "Hexen" angeblich das Fliegen ermöglichte. Früher wurden Bilsenkraut-Auszüge gegen Schmerzen und Krämpfe verabreicht – und in winzigen Dosen dem Bier beigemischt, um den Rausch zu verstärken.

Die Herbstzeitlose Colchicum autumnale, einem Krokus zum Verwechseln ähnlich, ist schon verblüht. Sie wird im Frühjahr der Lilie ähnliche Blätter und den Fruchtknoten aus der Zwiebel treiben. Mit einem "Salat" aus den Blättern sollen die Hexen um Walpurgis (30. April) Mensch und Tier vergiftet haben.
Das Beet mit den Gift- und Zauberpflanzen liegt im Halbschatten unter einer großen Eiche. Denn die meisten der klassischen Hexen-, Orakel- und Giftkräuter lieben eher absonnige Standorte mit humosem Boden – wenn das durch die Blätter fallende Licht auf ihnen spielt, sehen sie umso geheimnisvoller aus.


Text und Fotos: Ludwig Fischer