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Gedanken zum Thema ‘Unkraut’

Das Wort „Unkraut“ steht auf dem Index. Der Hintergedanke: Jedes Kraut ist ein Geschöpf und hat seinen Sinn im Haushalt der Natur. Benutzen wir aber das neue Wort „Beikraut“, müssten wir auch die Konsequenzen ziehen und duldsam mit ihm umgehen. Das aber wäre von einem Gärtner oder einem Gartenliebhaber zu viel verlangt. Ich bleibe also beim Wort „Unkraut“, wohl wissend, dass diese Pflanzen keine Teufel an sich sind, sondern erst im Zusammenhang mit Kulturpflanzen im Garten oder auf dem Feld werden.

Ich erinnere mich eines schönen Disputs mit Professor Richard Hansen, dem Stauden-Hansen. Als gelernter Landwirt vertrat ich die Meinung, dass Unkraut eine Pflanze sei, die mehr schadet, als nützt. Der Hintergedanke: Solange das Unkraut den Ertrag eines Feldes nicht mindert, sollte man es stehen lassen. Denn der Einsatz eines Herbicids, ja auch das Hacken mit Maschine oder von Hand kostet Geld. Wer sich als Landwirt schämt und meint, das Feld sieht nicht gut aus mit dem Unkraut, der vermindert also sein Einkommen.

Anders sieht es dagegen aus, wenn Unkräuter die Kulturpflanzen beschatten, ihnen die Nährstoffe nehmen oder sie auf den Boden zerren, wie das Klettenlabkraut oder die Ackerwicke im Getreidefeld. Ein besonderes Problem stellen freilich die ausdauernden Unkräuter auf dem Feld dar, wie Quecken und Ackerdisteln. Gegen sie muss man angehen, will man eine Dauerkatastrophe vermeiden.

Hansen sagte dazu, das sei der Standpunkt eines Landwirts. Als Staudengärtner vertrete er eine ganz andere Meinung, nämlich die, dass ein Unkraut eine Pflanze am falschen Platz sei. Interessant, denn auch Hansen verteufelt nicht die Pflanze an sich, er findet sie nur fehl am Platz eben an bestimmten Standorten. In seinem Sichtungsgarten in Weihenstephan gab es eine Fülle von Stauden und Gehölzen, die Hansen nach Lebensbereichen geordnet hatte. Ganz klar, dass da viele Samen durch die Landschaft flogen, sich an Stellen niederließen, wo die Pflanze im Jahr darauf absolut nicht hinpassten.

Stauden aus dem Gehölzbereich gehören nicht auf die Freifläche, Wildstauden vom Gehölzrand gehören nicht auf eine Staudenrabatte. Da Hansen bei den Staudenrabatten auch gern kurzlebige Pflanzen verwendete, bestand durchaus die Gefahr, dass die in Wildstaudenbereichen als „Unkraut“ auftauchten. All diese Pflanzen waren anderen Orts gewollte Zierpflanzen, wo sie am falschen Platz erschienen aber Unkraut! Mit anderen Worten: Jede Kulturpflanze kann in bestimmten Situationen Unkraut sein!

An dieses Gespräch mit Hansen muss ich oft denken, wenn ich in Jamlitz am Jäten bin. Ein Beispiel: Der jamlitzer Sand bildet einen Idealstandort für verschiedene Verbascum-Arten, Königskerzen. Die großen gelben „Bäume“ sind im Sommer die Dominanten auf den Freiflächen. Für Nachwuchs sorgen diese Zweijährigen von allein reichlich. Und den sollte man nicht überall stehen lassen. Aber leicht übersieht man die noch kleinen Jungpflanzen. Im nächsten Jahr deckt dann eine riesige Rosette einen Platz ab, auf dem niedrige Stauden stehen. Unter dem Verbascum-Blätterdach aber ersticken sie, sind manchmal für immer verloren.

In Jamlitz müssen manche an sich sehr willkommene Stauden so manches Mal wie ein Unkraut behandelt werden. So samen sich Agastachen reichlich wild aus, aber auch die Nachtkerze Oenothera odorata, wie die Gräser Hystrix patula und Nassella tenuissima.

Mit Recht warnen die Staudengärtner davor, die Fruchtstände der so genannten Beetstauden reif werden zu lassen. Oft sind die im Nahbereich entstehenden Samenkinder zwar vitaler als die Mutterstaude, aber in der Regel nicht so schön. Die Folge, gelegentlich verdrängen sie die Mutterpflanze. Das Verhängnis ist die Neugierde des Gartenfreundes. Es könnte ja sein, dass sich unter den Kindern ein edles und prachtvolles Exemplar befindet, das zu vermehren sich lohnt.

Überhaupt kann die Neugierde der Gartenfreunde zu verheerenden Resultaten führen. Einmal habe ich Samen von einer in Italien wild wachsenden Saponaria officinalis, im Garten ausgestreut. Ich warne vor Nachahmung! Ein Freund schenkte mir eine Aster, die er in der freien Natur gefunden und bei sich angesiedelt hatte. Oh, was können bestimmte Astern für ein Unkraut sein! Sie wuchern mit ihren Wurzeln wie die Quecken.

Was sich an Samen im Gartenboden befindet, das ist eine unendliche Geschichte. Auffällig, wie bei allen Bodenbewegungen im Straßenbau Klatschmohn in Massen erscheint. Seine fetthaltigen Samen scheinen unsterblich zu sein. Im jamlitzer Garten ist es nicht der Klatschmohn, Papaver rhoeas, sondern der Gewöhnliche Saatmohn, Papaver dubium. Eine liebenswerte Überraschung sind in diesem Jahr die Wilden Mohrrüben mit ihren herrlichen weißen Dolden. Schaut man genau hin, entdeckt man im Zentrum jeder Dolde eine violette Zentralblüte. Gleichzeitig nimmt man wahr, wie angenehm würzig-animalisch diese Dolden duften.

Das eigentliche Problem mit dem Unkraut im jamlitzer Sandboden ist übrigens das Hacken! Damit will man ja zweierlei erreichen: Einmal kann man damit den Wasservorrat des Bodens bewahren, weil die Kapillaren des Bodens gebrochen werden und damit die Verdunstung verringert wird. Zum zweiten wird dabei das Unkraut eliminiert. Dass aber viele Sämereien nur darauf gewartet haben, ans Licht, an die Oberfläche zu gelangen um schnell zu keimen, das ist die Kehrseite der Medaille.

Wahrscheinlich ist es besser, den Boden zwischen den Kulturpflanzen zu mulchen, statt ihn zu hacken. Das ist keimhemmend und verhindert die Verdunstung. Was sich allerdings darunter an Getier tummelt, etwa Wühlmäuse, Schnecken oder gar Maulwurfsgrillen, dies beweist nur, dass jeder Eingriff im Garten positive wie negative Folgen hat.


Text und Fotos: Christian Seiffert