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Gartenlust – Blüte und Frucht

Zur diesjährigen Gartenlust – deren Thema lautet "Blüte und Frucht" – einmal die etwas andere Gartennotiz: nicht über dekorative und neue und besondere Blüten, darauf richtet sich ja meistens die Aufmerksamkeit, sondern über die "Früchte" der Kräuterstauden. Denn der Spätsommer und der einsetzende Herbst bieten eine Fülle von äußerst reizvollen und nicht selten ausgesprochen schmückenden  Samenständen in den verschiedensten Formen.

Außer bei Kräutern, die sich sehr stark versamen – zum Beispiel Herzgespann (Leonurus cardiaca) oder Wiesensalbei (Salvia pratensis) – lasse ich die Samen- und Fruchtstände der meisten Kräuter bis zum Frühjahr stehen. Manche verschwinden von selbst im Laufe des Winters, andere bieten sehr ausdauernde Schmuckelemente im sonst fast kahlen Garten.

Im "Hexenwinkel" etwa sind jetzt zwei besonders auffällige Früchte zu sehen: die glänzenden, geradezu verlockenden Beeren der Tollkirsche (Atropa bella-donna) und die großen Sonnenblumenkernen ähnelnden Samen des Schwarzen Germers (Veratrum nigrum). Beide Pflanzen sind stark giftig, gelten als bedeutsame Rauschmittel, die man aber lieber nicht kosten sollte. Die Tollkirschen-Beeren fallen im Spätherbst ab, die Pflanze verdorrt im Winter oberirdisch. Aber über Wochen bilden die lackiert wirkenden Früchte einen Blickfang. Der Schwarze Germer mit den mehr als mannshohen Blüten- und Samenrispen ist eine der dekorativsten und apartesten Pflanzen im Kräutergarten, vom Frühjahr an, mit den großen, fein gefalteten Blättern und dann mit den langen Rispen tiefschwarzer Blüten und eben jetzt mit der Parade der Samen auf den verzweigten Blütenstängeln.

Sehr hübsch sind auch die Samenkapseln des Diptams (Dictamnus albus). Sie sehen beinahe wie Sternanis aus und halten sich bis in den Winter hinein an den dann schon vertrockneten Stängeln. Und dann ist da die Weinraute (Ruta graveolens), die noch mit hellgelben, vier- oder fünfgliedrigen Blüten leuchtet, aber auch schon fein gegliederte Samenstände gebildet hat. Die Weinraute ist ein uraltes Heil- und Symbolkraut, dem man in der Antike geradezu sagenhafte Wirkungen nachgesagt hat: sie helfe gegen Schlangenbisse, Skorpionstiche, Infektionen durch tollwütige Hunde, ja sogar gegen das absolut tödliche Gift des Eisenhuts (Aconitum napellus). Deshalb galt die Weinraute als eines der wichtigsten Abwehrkräuter – in der mittelalterlichen Magie lieferte die fünfgliedrige Fruchtkapsel ein Abwehrzeichen. Und schon in der Gotik schmückte man die Kirchen mit Rautenblüten, einem regelrechten Standardelement der Kirchenmalerei, wohl auch der "Teufelsabwehr" wegen.

Hinter derlei "Aberglauben" steckt aber oft ein handfester Sachverhalt: Die Weinraute ist eine der wehrhaftesten Pflanzen. Ich habe mir in diesem Jahr, weil ich beim Jäten in praller Sonne einfach vergaß, was ich doch wusste, an beiden Armen Verbrennungen zweiten Grades bei der Weinraute abgeholt – sie wirkt phototoxisch. Die Brandblasen sind inzwischen verheilt, aber die Verfärbungen immer noch nicht ganz verschwunden. Dennoch fasziniert mich dieses Kraut mit den kleinen, wunderbar gegliederten Blüten und Früchten.

Noch zwei "Kräuterfrüchte" will ich erwähnen: Die Samenstände der Zistrose (Cistus laurifolius) zeugen noch von den vielen zarten, tatsächlich Wildrosen ähnlichen Blüten, die immer nur einen Tag lang strahlen und am Abend schon zerfallen. Zistrosen sind typische Gewächse der Garigue, der Busch-Vegetation im Mittelmeer-Raum. Die harzigen Blätter manchen Arten werden genutzt, um regelrecht Harz zu gewinnen. Bei uns sind die Zistrosen leidlich winterhart und können zu sehr prägenden, wintergrünen Büschen heranwachsen.

Äußerst auffällig sind auch die Früchte des Echten Bärenklaus (Acanthus hungaricus), einer der schönsten und ausdauerndsten Kräuter- und Schmuckstauden überhaupt. An den über vierzig hohen Blütenkerzen, die mein Exemplar dieses Jahr aufgerichtet hat, stehen jetzt zwischen den stacheligen Hüllblättern die etwa dattelgroßen Früchte – seit Jahren sät sich der stattliche Acanthus aus und liefert mir begehrte Mitbringsel für Besucher. Ja, und nebenan blüht, zur allgemeinen Bewunderung, noch immer der Dornige Bärenklau (Acanthus spinosus) mit großen, violett-rosa Blüten. So als wolle er mit seinem Verwandten zusammen das Thema der Gartenlust in aller Deutlichkeit demonstrieren...


Text und Fotos: Ludwig Fischer