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Frühlingsgefunkel

Keine andere Blume signalisiert die Ankunft des Frühlings wie der Krokus. Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, dass selbst in der Tagesschau bei der saisonalen Wettervorhersage fast immer ein Krokus oder eine Krokusgruppe ins Bild gesetzt wird? Wetterfee oder Wetterfrosch sagen milde Frühlingstemperaturen an, wenn die Blumen im ergrünenden Gras leuchten – oder winterliche Rückschläge, wenn  Krokusblüten im Schnee verweht oder mit Frost überzuckert dastehen.

Ich denke dass es nicht nur Hobbygärtnern so geht wie mir: Wenn auch nur ein einziger Krokus blüht, kommen Frühlingsgefühle hoch. Die Lust auf Spaziergänge steigt und wer einen Garten oder auch nur einen Balkon oder eine Terrasse hat, findet in ihm ein Signal Beete, Kübel und Kästen mit Frühlingsblumen zu behübschen… wenn sie nicht bereits im Herbst entsprechend vorbereitet worden sind.

Obwohl der Krokus in unserem kollektiven Bewusstsein der König aller Lenzens-Herolde ist, stammen die meisten Arten nicht aus unseren Gefilden nördlich der Alpen. Fast immer kommen sie aus dem Balkan oder dem Mittelmeerraum. Außerdem ist der historisch berühmteste aller Kroken (… das Wort „Krokusse“ geht mir immer so schlecht über die Tastatur…), der Safran, nicht einmal eine Frühlingsblume. Er blüht im Nahen Osten und der Türkei im Spätherbst und liefert das teuerste Gewürz der Welt. Interessanterweise findet man in alten Gartenbüchern auch für Frühlingskroken sogar noch den Namen Safran – doch der hat sich längst überholt und mit dem Wort  „Krokus“ werden trotz der ansehnlichen Riege auch weiterer Herbstblüher allgemein die Frühlingsboten assoziiert.

Aber was macht gerade diese Blume zum Inbegriff aufkommender Lenzenslust? Immerhin starten die sonnengelben Winterlinge, die porzellanweißen Schneeglöckchen und die purpurnen feinen Zwiebeliris gleichzeitig oder sogar mit einem kleinen Vorsprung von einigen Tagen mit ihrem Flor. Ich habe den Verdacht, dass die Farbenvielfalt der Gattung Crocus der Grund dafür ist. Abgesehen von warmen Rot-Nuancen ist so ziemlich jede Farbe bei den Kroken zu finden und das macht Eindruck … sowohl in Mengen als Einzelfarbeneffekt als auch in Mischungen. Doch das ist nicht das alleinige Schönheitsmerkmal der Kroken!

Die dünnen Blütenblätter haben wie viele andere aus der Familie der Irisgewächse auch, eine besondere sehr glatte Textur, die Farben zum funkeln bringen. Wenige Sonnenstrahlen reichen aus, um einem Purpur oder Gelb eine ganz besondere Brillanz zu verleihen. Zugegeben, gerade im Gegenlicht strahlen alle Blüten mit nicht allzu dicken Blütenblättern auf – doch sicher kommt beim Krokus hinzu, dass er in seiner Farbenvielfalt in seiner hohen Zeit konkurrenzlos ist. So wird der „Juwelen-Effekt“ besonders intensiv in einer Zeit wahrgenommen, wenn wir alle nach Farbe geradezu lechzen.

Kroken waren immer da; sie gehören auch zu meinen frühesten Gartenerinnerungen. Meine Mutter hatte eine Vorliebe für die großblumigen bunten Mischungen die sie pulkweise in die Rasenfläche einsetzte. Als Versteck für Ostereier bewährten sie sich bestens und das bis zum Frühsommer stehenbleibende und durchaus unschön vergilbende Laub störte uns ebenso wenig, wie die späteren kahlen Stellen im Freiluftteppich die sich im Hochsommer ja doch schnell geschlossen hatten. Als ich im Teenager-Alter die Gartenarbeit übernommen hatte, las ich in einem Gartenbuch dass Kroken im Rasen natürlicher aussehen, wenn man die Knollen im Herbst vor der Pflanzung schwungvoll über das Grün ausstreut. Das setzte ich freilich mit großer Geste um. Es war allerdings bereits spätnachmittags im November und ich hatte größte Mühe, in der rasch einbrechenden Dämmerung sie alle wiederzufinden – einige von ihnen tauchten in den kommenden Tagen gelegentlich in der Federharke wieder auf mit der ich das Laub vom Gras abgeharkt hatte. Seitdem beginne ich mit der herbstlichen Pflanzung von Zwiebeln und Knollen morgens, spätestens mittags. Das Ergebnis der Streublumen-Aktion war hingegen tadellos, wenn auch das Rasenmähen dann noch schwieriger wurde. Ich hatte ja keine Inselchen mehr, die ich mit den Rotorblättern umschiffen konnte, sondern musste so ziemlich die gesamte Fläche erst zur Wiese werden lassen, ehe im Juli die Messer geschwungen werden konnten.  Erstaunlich, wie viele Gänseblümchen sich auf einen Quadratmeter ansiedeln können, wenn man sie nur lässt…

Je legerer und ungezwungener ein Blumenbeet angelegt wird, desto besser machen sich Krokus-Gruppen darin. Besonders die Abkömmlinge von Crocus chrysanthus und Crocus tommasinianus fügen sich wunderbar in ein halbschattig stehendes Szenario früh blühender und austreibender Stauden ein. Neben cremefarbenen und grünen Lenzrosen etwa gefallen mir ‘Ruby Giant‘-Kroken am besten, ihre satte Farbe schillert dann doppelt so aufregend. Und zu rot blühenden Lenzrosen beispielsweise kombiniere ich mit Vorliebe die blassgelbe Sorte ‘Cream Beauty‘ – auch diese beiden Farben steigern sich ausgesprochen reizvoll. Hier und da noch ein paar austreibende dunkellaubige Begleiter wie Grönlandveilchen (Viola labradorica) oder das gute alte Purpurglöckchen Heuchera micrantha ‘Palace Purple‘ runden das Frühlingsszenario bestens ab.

Meine Kroken haben es sich unter einem großen Pflaumenbaum im Schrebergarten gemütlich gemacht und sorgen für dunkelpurpurne, zartlila und zartgelbe Farbreflexe. Vergangenes Jahr war mein Hunger nach Frühlingsblumenbuntheit besonders groß. Wer erinnert sich nicht an den langen Winterblues, hervorgerufen durch die späten und dauerhaften Minusgrade und die dicken grauen Wolken? Sowie der Boden ein bisschen offener war, stürzte ich in die Gärtnerei um die Ecke und besorgte mir kleinblumige Stiefmütterchen in genau den Krokusfarben. Als buntes Band zierten sie das längliche Gemüsebeet das dem Pflaumenbaum am nächsten lag. Die Wiederholung gleicher Farben hat die beiden sehr unterschiedlichen Gartenbilder optisch zusammengeführt und das wurde von Flaneuren und Gartennachbarn wohlwollend registriert. Die Wirkung der Blumen aber beruhte auch auf der schieren Menge. Für das Stiefmütterchen-Band reichten gut 40 Pflanzen locker aus, die Krokus-Knollen kamen im Herbst zuvor in knapp vier Hundertschaften unter die Ausmaße der Obstbaumkrone in die Erde.

An den Bettelstab hat mich beides nicht gebracht – erschwinglicher kann ein mehrere Wochen andauerndes Frühlingsglück kaum sein. Und das Beste: Bei den Kroken kann ich mit Dacapos in diesem und den kommenden Jahren rechnen… und das sogar stetig immer reichblumiger. Züchtungen bilden reichlich Brutknollen und die meisten Wildarten säen sich sogar sehr gut aus. Ich halte mal dieses Frühjahr Ausschau nach weiteren Krokus-Ansiedlungsstellen im Garten. Da ist doch noch die Brombeerhecke die den Rosengarten flankiert, oder der mittlerweile gut heran gewachsene Randstreifen mit den vielen Hysterischen, pardon, Historischen Rosen … und wenn ich endlich mal richtig aufräumen würde könnte auch unter den jungen Fliedersträuchern oder der alten immergrünen Lonicera rechts vom Häuschen eine Hekatombe Kroken unterkommen. Mit Sicherheit würde ich dann noch öfter im Frühling meinen Schrebergarten aufsuchen.


Text und Fotos: Andreas Barlage