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Früher Herbst

Zu wenig Regen …

Hier im Norden, im Elbe-Weser-Dreieck, war das Jahr bisher ungewöhnlich trocken. Im fast sommerlich warmen April fiel so gut wie kein Regen, der Mai war phasenweise schon heiß, und auch im Juli gab es wenig Niederschläge. Seit Mitte August haben wir nur eine Woche mit etwas Regen gehabt. Die Holunderbeeren sind an manchen Sträuchern vertrocknet, und auch von den Brombeeren im Garten kann man nicht viel ernten. Flieder und Jelängerjelieber lassen die Blätter hängen.

Ich musste im Kräutergarten viel wässern, trotzdem wirkt der Kandelaber-Ehrenpreis Veronicastrum virginicum schlaff, der Große Odermennig Agrimonia procera und sein kleiner Bruder A. eupatoria sind fast verdorrt. Überhaupt hat das Halbschattenbeet unter den Bäumen, wo ohnehin der Regen ein wenig abgeschirmt wird, bös gelitten, obwohl ich immer wieder den Rasensprenger hinein gestellt habe: Der Waldmeister Galium odoratum ist schon beinahe vergilbt, und auch sein größerer Vetter, der Turiner Waldmeister Asperula taurina hält sich nur mit Mühe aufrecht. Die schönen, dunkellaubigen Silberkerzen Cimicifugia simplex ‘Atropurpurea’, die ich im Frühjahr gepflanzt habe, werden es kaum überlebt haben, das Laub ist völlig verschrumpelt. Auch das Siebenbürger Leberblümchen Hepatica transsylvanica ist stellenweise verschwunden.

Die Vegetationsperiode scheint um mindestens drei Wochen verschoben: An manchen Bäumen färbt sich das Laub schon, die Äpfel sind längst reif, und seit Anfang September ernte ich von meinem Wein am Haus – vier Wochen früher als sonst. Allerdings tragen die beiden Stöcke an der Südwand mehr als je zuvor, große, süße Trauben.

Späte Blüten

So sind auch die Herbstblüher im Kräutergarten früher dran als sonst – an den Echinaceen letzte weiße, cremegelbe, purpurrote, hellroa Blüterblätter, die großen Schafgarben längst vorbei, an den hohen Stengeln des Eibisch Althaea officinalis keine einzige der großen, weißen Blüten mehr, bei den Minzen blühen noch ein paar Nachzügler. Nur die Kriechende Poleiminze Mentha pulegium ‘Repens’, die zwischen den hohen Minzen dichte, frischgrüne Matten bildet, hält überall lila Blütenkerzen hoch.
Andere Pflanzen wiederum blühen umso länger: Die Kandelaber-Königskerze Verbascum olympicum setzt seit Juni immer wieder neue Lichter auf und lässt nicht nach. Der Russische Salbei Perovskia abrotanoides ist seit zwei Monaten dicht mit stahlblauen Blüten besetzt und leuchtet unverdrossen. Etwas versteckt hinter den verblühten Schafgarben und Färberkarden hat nun auch der Mönchspfeffer Vitex agnus-castus seine hellblauen Kerzen aufgesteckt.

Bei den Mittelmeerkräutern locken die letzten Lavendel Schmetterlinge und Bienen an, einige Rosmarinsträucher blühen schüchtern zum zweiten Mal, die Römische Rasenkamille Chamaemelum nobile ‘Plenum’ – ein Duftrasen, der immer wieder Ah!s und Oh!s bei den Besuchern hervorruft – lässt strahlend weiße Blütenköpfe schweben.

Geheimtipp: Berg-Bohnenkräuter

Fast am liebsten unter den Kräutern, die im Herbst noch blühen, sind mir die Bergbohnenkräuter. Auch sie haben in diesem Jahr viel früher angefangen als sonst, aber noch drängen sich an manchen Zweigen des Hohen Bergbohnenkrauts Satureja montana die kleinen, rosa Blüten, und die verzweigten Polster des Kriechenden Bergbohnenkrauts S. spicigera sind mit weißen, die des Zwerg-Bergbohnenkrauts S. montana ssp illyrica mit blau-violetten Blütenminiaturen gespickt. Die Bergbohnenkräuter sind wunderbare “Lückenfüller” und Bodendecker zwischen den Steinen meiner Mini-Macchia – völlig winterfest, robust, langlebig. Ihnen kann die Trockenheit wenig anhaben. Die hohen Arten schneide ich im Frühjahr zurück, sie treiben zuverlässig wieder aus – und würzen mindestens so gut wie das Einjährige Bohnenkraut. Immer noch muss man sie als “verkannte Schönheiten” bezeichnen.


Text und Fotos: Ludwig Fischer