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Frankfurts „Blumen-Flegel“

Eigentlich ist es eine Schande, dass heute in Frankfurt kein Platz, kein Straßenname und nicht einmal eine kleine Gasse an einen der berühmtesten Stilllebenmaler des 17. Jahrhunderts erinnert. Vielleicht liegt das Desinteresse an Flegel, der seine wichtigsten Jahre in Frankfurt verbrachte und dort auch Bürgerrecht erhielt, daran, dass die Kunstform des Stilllebens lange Zeit in der Kunstgeschichte als unbedeutend und zweitrangig galt. Doch wer sich in die Betrachtung der Stillleben Georg Flegels vertieft, wird schnell eines Besseren belehrt.

Geboren wurde der junge Georg 1566 im mährischen Olmütz als Sohn eines Schuhmachers. Seine Lehrjahre als Maler durfte er bei der berühmten Malerfamilie von Valckenborch absolvieren. Erste künstlerische Sporen verdiente er sich als sogenannter „Staffierer“. So nannte man Maler, die es bei der Darstellung bestimmter Motive zu besonderer Fertigkeit gebracht hatten und diese in die Bilder anderer Maler nach deren Vorgaben einfügten. Der große Maler Valkenborch malte beispielsweise in seiner Werkstatt eine Marktszene mit Bauern und Tieren – Flegel ergänzte die Feldfrüchte oder Blumen, die auf dem Bild zu sehen sein sollten. Dem jungen Georg Flegel hatten es besonders Blumen, Früchte und Gefäße angetan, und bei diesen Sujets entwickelte er bald eine so große Meisterschaft, dass er in Frankfurt seine eigene Werkstatt gründen und sich dem Malen von Stillleben widmen konnte. Und das in einer Zeit, die genau solche Motive besonders zu schätzen wusste! Denn nicht mehr religiöse oder historische Sujets allein gelangten auf die Leinwände der Zeit, sondern im Zuge der Aufklärung auch immer mehr weltliche Motive und Alltagsszenen sowie besondere Pflanzen und exotische Tiere, die ihren Weg aus weit entfernten Ländern zu uns nach Europa gefunden hatten. Und für diese alltäglichen Dinge und herrlichen Pflanzen hatte Flegel eine glückliche Hand. So meint man beim Betrachten eines seiner Werke etwa, eine Hand vor das Bild halten zu müssen, weil die Erbsen aus ihrer frisch grünen Schote zu purzeln scheinen. Der Lichtschimmer auf den Kirschen und den weißen und roten Johannisbeeren lässt diese so lebensecht wirken, dass man am liebsten zugreifen möchte. Wäre da bloß nicht der bedrohlich wirkende Hirschkäfer mit seinen schwarzen Greifern! Doch auch klassische Blumenstilleben hat Flegel immer wieder gern gemalt – durch die große Detailtreue des Künstlers lässt sich dabei jede Pflanze zweifelsfrei bestimmen. Und wie wunderbar sich das Licht – mal von einer Kerze ausgehend, mal sanft aus unbekannter Lichtquelle stammend – auf den dargestellten Objekten schimmernd fängt! Seine äußerst präzisen Darstellungen gelangen Flegel, indem er mit Lupen und anderen optischen Hilfsmitteln arbeitete. Allerdings sind die Stillleben Flegels bei weitem nicht so opulent wie die seiner flämischen Kollegen. Prunk war ihm und seinen Auftraggebern anscheinend weniger wichtig als das Darstellen tatsächlicher „Momentaufnahmen“ des bürgerlichen Lebens. Doch auch er malte die in dieser Zeit sündhaft teuren Südfrüchte und Tulpen, die damals nur für die wirklich gut Betuchten erschwinglich waren, sowie gläserne und silberne Trinkpokale und Vasen. Viele dieser Bilder dienten dazu, die Speisezimmer reicher Bürger zu verschönern. Sie tun es bis in die Gegenwart und so verwundert es nicht, dass ein großer Teil des wunderbaren Oeuvres Georg Flegels bis heute in Privatbesitz ist. Ob Flegel mit seiner Kunst reich geworden ist, wissen wir nicht, hatte er doch immerhin sieben Kinder großzuziehen! Wahrscheinlich wird das Malen von Stillleben nicht Georg Flegels einzige Beschäftigung gewesen sein – möglicherweise hat er wie so manch anderer Maler nebenbei mit Bildern und Farben gehandelt. Auch erhielt sich der Hinweis, dass Flegel mit dem Bemalen von Postkutschen und Wirtshausschildern ein Zubrot verdienen musste. Dies wirkt in der Rückschau mehr als erstaunlich, wenn man die wunderbaren Stillleben betrachtet, die uns Frankfurts großer Sohn hinterlassen hat. Doch der Alltag eines Malers war eben zu allen Zeiten nie wirklich einfach!


Text und Fotos: Antje Peters-Reimann