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Es grünt so grün

Sehr zögerlich gibt sich der Frühling in diesem Jahr. Immer wieder kalter Wind aus Nordost, leichter Nachfrost, Tage mit Graupelschauern. Aber zum Osterwochenende räumte hier im Norden die Sonne denn doch die Wolken weg – die Lufttemperatur blieb unter zehn Grad, trotzdem die ersten Schmetterlinge, viele Hummeln und Wildbienen.
Weil die Pflanzen im Kräutergarten bei den bescheidenen Temperaturen sehr langsam austreiben, kann man die vielfältigen Formen des ersten Grüns umso besser betrachten. Deshalb will ich jetzt den Blick einmal nicht auf die Blüten richten – einige der ersten Frühjahrsblüher wie Adonisröschen oder Leberblümchen haben das Ihre schon getan -, sondern auf die faszinierenden Erscheinungen des frühen Austriebs durchaus 'gewöhnlicher' Kräuterstauden.

Die Küchenschelle (Pulsatilla vulgaris) zum Beispiel zeigt zunächst zottige, verwirbelte Schöpfe, geradezu ein kaltes Feuerwerk silbriger und grüner Flämmchen, die aus den pelzigen Trieben aufsteigen – immer wieder gehe ich in die Knie, beuge mich ganz hinunter, um diese hinreißende Inszenierung anzusehen, bevor dann die schönen Blüten das Bild dominieren.

Bei der Schlüsselblume (Primula veris) drängen sich die jungen Blätter wie aus dem zu engen Verlies der Erde heraus, immer neue schieben nach, so dass der Eindruck entsteht, sie würden einander beinahe rücksichtslos den Platz am Licht streitig machen. In zehn Tagen wird sich das Gedränge entspannt haben, wenn die Blätter sich an den kurzen Stielen ganz entfaltet haben und in der Mitte die Blütenstände aufsteigen. Jetzt aber bietet der Austrieb ein Bild enormer Vitalität.

Im Gegenlicht leuchten die Ränder der knapp spannenhohen Blattspitzen der Bart-Iris (Iris barbata-elatior 'Superstition'), die mit ihren fast schwarzen, riesigen Blüten später einer der Blickfänge im Kräuter-Schaugarten sein wird. Der junge Austrieb gibt für mich aber die beste Illustration des Namen 'Schwertlilie' – gleichsam messerscharfe, spitze, aus dem Boden ragende grüne Kurzschwerter, die sich aus ebenso scharfrandigen Schwertscheiden schieben.

Ganz anders die ersten zehn Zentimeter der Riesen-Lilie (Cardiocrinum giganteum), die einmal über anderthalb Meter hoch gewachsen sein wird: eine enge Tülle aus eingerollten, einander umfassenden Jungblättern, ein grünes Kunststück der besonderen Art. Jeden Tag gehe ich hin, um nachzusehen, ob die Tülle ein bisschen höher geworden ist und in ihrer Mittel die nächste Blattrolle heraus schiebt.

In jedem Frühjahr aber bieten mir die jungen Blätter des Schwarzen Germer (Veratrum nigrum), einer Gift- und Rauschpflanze im 'Hexenwinkel', das aparteste Schauspiel einer austreibenden Staude: Zunächst erscheint eine dicke, ganz eng gewickelte, hellgrüne 'Zigarre', aus der sich dann rasch die großen, fein gefältelten Zungen der Blätter schieben. Ich kenne keine andere Pflanze, die so sehr wie ein lebendiges Origami-Kunstwerk aussieht, von Meisterhand geformt. Ob der berüchtigte Weiße Germer (V. album) – einst als 'Nieswurz' in den Schnupftabak gemischt – und der Kalifornische Germer (V. californicum) nachziehen, bleibt abzuwarten, diese Arten brauchen definitiv mehr Wärme.

Für mich ist der Garten jetzt, wo noch nicht alles im üppigen Flor steht, nicht weniger faszinierend. Das ’neue Leben' zeigt sich mit regelrecht gewagten Kreationen des frischen Grüns, deren Reiz es mit bunten Blüten durchaus aufnehmen kann.


Text und Fotos: Ludwig Fischer