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Erste Gartennotizen aus dem Benkeler Kräutergarten

Benkel – ein winziges Dorf nordöstlich von Bremen. Äußerster Zipfel des Landkreises Verden – eine asphaltierte Straße führt hinein, auf die einzige Kreuzung des Ortes, aber nur landwirtschaftliche Fahrwege erlauben das Weiterfahren zu den nächsten Ortschaften. Straßennamen gibt es nicht. Seit einigen Jahren sind unvermutet mehrere junge Familien mit kleinen Kindern zugezogen, die Jungen und Mädchen spielen unbekümmert auf den Sträßchen zwischen den Häusern. Jetzt im Mai staksen die Fohlen des Pferdezucht-Betriebes, wenige Tage alt, auf den Weiden herum. Das Dorf liegt am Rand der Zevener Geest, also auf dem eher mageren Boden einer flachen Endmoränen-Landschaft, die zur Wümme-Niederung hin abfällt. Die Wümme – ein vielarmiger Fluss auf dem Weg zur Weser. Das Malerdorf Fischerhude, wenige Kilometer entfernt, breitet sich pittoresk zwischen fünf Wümme-Armen aus, ein touristischer Magnet. Benkel – das ist das ländliche Abseits schlechthin. Manche Leute im Hauptort Ottersberg wissen nicht, dass es zur Gemeinde gehört und wie genau man hinkommt.

Unser Haus stammt vom Ende des Dreißigjährigen Krieges, 1648/49 gebaut. 1997/98 haben wir es vom benachbarten Hofgrundstück um 70 Meter versetzt. Aber das ist eine eigene Geschichte. Große Eichen, dazu einige Birken und Erlen, säumen das weitläufige Grundstück, die ehemaligen Kälberweide des alten Gehöfts. Vom Feldweg, der zum Hof führt, geht der Blick nach Süden und Westen in die sanft gewellte Landschaft: Wiesen und Felder, viele von Baum- und Buschreihen – im Elbe-Weser-Raum nennt man sie Wallhecken – eingefasst; immer wieder kleine Haine in den Senken, wo es feucht ist, Bruchwäldchen; in der Ferne die geschlossenen Ränder größerer Waldstücke. Die Straßen werden meistens von Linden- oder Eichenalleen begleitet. Manche der Dörfer haben sehr alte Feldsteinkirchen, und überall findet man noch die großen, von hohen Bäumen beschatteten Fachwerkhöfe, die den Orten das Gesicht gaben.
Eine auf den ersten Blick unspektakuläre Gegend. Aber sie hat den Reiz der lange gewachsenen, bäuerlichen Landschaft: Immer noch sind die landwirtschaftlichen Flächen vergleichsweise kleinteilig, die vielen Baumgruppen, Feldsäume und Waldstücke gliedern das Bild zu einer lebendigen Einheit. Die Weg- und Ackerränder sind mit Taubnessel, Wegwarte, Melde, Wilder Möhre und vielen anderen Wildkräutern bestanden. Jelängerjelieber, Wilder Hopfen, Brombeeren ranken sich an Vogelbeere, Holunder, Haselstrauch hoch. Im Frühjahr und Herbst ziehen die Kraniche zu den Mooren und Bruchwiesen, die es in den Mulden der Geestausläufer gibt.

Seit 1999 habe ich, in mehreren Etappen, einen Kräutergarten südlich vom Haus angelegt. Angefangen hat es mit einer Mini-Macchia: Die vielen Findlinge, die auf dem Grundstück herum lagen, habe ich vom Bagger zu einer kleinen, nach Süden geöffneten, gewölbten Geländestufe hinwerfen lassen, so als ob sie seit Jahrhunderten dort lägen: ein bisschen Sonnenfalle für die Mittelmeer-Kräuter. Verschlungene Wege aus ‚Katzenköpfen’, mit groben Kieseln dazwischen. Den Wiesenboden, keine 20 Zentimeter Humus-Schicht, habe ich partienweise ausgehoben, eine Sand-Drainage eingezogen, mancherorts mit Bauschutt und Schotter unterfüttert. Ich experimentiere immer noch mit extrem durchlässigen, mageren Standorten für meine südländischen Gewürz- und Duftgewächse – manche Züchtungen wollen eben doch richtig ‚Futter’ haben, andere sind besonders zimperlich an der einen Stelle, dafür umso robuster an der anderen, und einige, zum Beispiel zwei überraschende Zufalls-Kreuzungen unbekannter Thymian-Eltern, haben sich selbst den idealen Standort gesucht, an dem sie jedes Jahr schöner werden.

Jetzt, im Mai, nach einem viel zu warmen und trockenen April, kommt die definitive Prüfung: Was hat wie den harten Winter überstanden? Manche von den Mediterranen zögern ja lange, wieder auszutreiben – zum Beispiel der Zwergsalbei, der völlig abgestorben schien, hat schließlich doch ganz unten am alten Holz wieder kleine Blätter heraus geschoben. Nun also geht es an das große Zurückschneiden – oder Ausreißen.
Ich hatte mit weißem Vlies und stellenweise auch mit Tannenreisig abgedeckt, aber das hat bei einer ganzen Reihe selbst von älteren Pflanzen nichts genützt. Zu niedrig waren längere Zeit die Temperaturen, vor allem zu viel Kahlfrost mit intensiver Sonne tagsüber – da vertrocknen trotz aller Vorsorge eben doch manche der Zwerggehölze, der Thymiane, Salbeis, Rosmarine, Heiligenkräuter, Oregano- und Lavendel-Arten. Und bei Winterregen, den es in den oft vergleichsweise milden Wintern hier im norddeutschen Tiefland reichlich gibt, macht dann wieder die Nässe den südeuropäischen Abkömmlingen zu schaffen.

Der Zwergsalbei also hat es geschafft, zumindest an zwei Standorten, wo er sich an kleinere Findlinge anschmiegen kann. Der sehr ähnliche Salvia lavandulifolia, wuchsfreudig und mit reicher, himmelblauer Blüte, ist ohne Frage robuster als sein zurückhaltender Verwandter, aber auch bei ihm sind viele Triebe zurückgefroren. Trotzdem fangen die frischen Blätter schon an, das breite Polster – die eine Ursprungspflanze hat sich in wenigen Jahren über mehr als einen Quadratmeter ausgebreitet, und sich auch, nicht mehr als 30 Zentimeter hoch, über die Steine gelegt – wieder zu schließen. In gut drei Wochen wird er blühen.
Härter hat es den sonst so zähen Salvia officinalis 'Crispa' getroffen – die großen Büsche sind fast ganz tot, an einigen wenigen Zweigen treiben am äußersten Ende Blattschöpfe aus. Ein trauriges Bild. Da ist nicht viel zu retten, radikaler Rückschnitt wird nicht helfen, wenn die Pflanze nicht von sich aus unten am alten Holz neu austreibt. Und den Salbei am gleichen Standort nachzupflanzen, geht nicht, da muss man vier oder fünf Jahre warten.
Erstaunt bin ich, dass der als empfindlich geltende Salbei 'Nazareth', eine Sorte mit ganz hellen, silbrig-weißen Blättern, vor einem großen Findling überlebt hat, zwar nur mit einigen grundständigen Trieben, aber er treibt kräftig aus. Und auch zwei farbige Salbeis, der goldgelb panaschierte Salvia officinalis 'Icterina' und der weiß gemusterte Salvia officinalis 'Tricolor', zeigen sich als überraschend hart. Dabei gelten sie ab minus 10 Grad als gefährdet – es kommt eben auf den Standort an, denn an zwei anderen Stellen sind nichts als kahle Gerippe übrig geblieben. Woran es dann jeweils genau liegt, ist schwer zu sagen. Im Schutz von größeren Steinen scheint es besser zu gehen, aber der eine goldgelbe steht ganz frei – Versuch macht klug.
Hervorragend gehalten hat sich, auch das war so nicht zu erwarten, der Purpursalbei Salvia officinalis 'Purpurascens', eine Schönheit mit rotbraunen bis dunkelgrün-bläulichen Blättern. Viel älteres Laub ist vertrocknet, aber der mächtige Strauch – fast zwei Meter im Durchmesser, nach fünf Jahren – ist schon wieder fast voll belaubt.
Unter den gewöhnlichen Gewürzsalbeis hat es den weiß blühenden stärker mitgenommen, aber selbst der Dalmatinische Salvia officinalis 'Major', sonst der härteste und wüchsigste von allen – die zehn Jahre alten Büsche überdecken viele Quadratmeter – hat mit vielen starken Zweigen aufgegeben. Die Schere bekommt ordentlich Arbeit.

Ja, und von den Iberischen hat es den Spanischen Thymian schlimm erwischt, alles verdorrt. Ich werde die Nachzucht aus dem Foliengewächshaus auspflanzen müssen – und die Mutterpflanze sorgsam hüten. Das sehr herbe, harzige Aroma ist noch intensiver als beim Provence-Thymian. Der wiederum, Thymus vulgaris 'Fleur Provencale', zeigt sich seit Jahren vom Winter völlig unbeeindruckt, knorrige Büsche, die jedes Jahr reich treiben und blühen. Unter den klassischen vulgaris-Sorten, dem ‚eigentlichen’ Gewürzthymian, hat sich die oft Zwergthymian genannte Variante Thymus vulgaris 'Compactus' als ziemlich robust erwiesen: dichte Büschlein mit dunkelgrünen, schmalen Blättern, sehr würzig. Aber an einer etwas exponierten Stelle hat er in diesem Winter nicht durchgehalten, nichts als tote Besen.
Der winterhärteste Thymian bei mir ist seit jeher der Grüne Zitronenthymian Thymus x citriodorus 'Lemon'; relativ große, rundliche Blätter mit frisch zitronigem Aroma. Nach einigem Zögern sind die kleinen Büsche wieder voll belaubt. Die gelbbunten und weiß-bunten Varianten überleben allenfalls mit einigen dürftigen Blättchen, da hilft nichts, man muss jedes Jahr nachpflanzen.
Die niedrigen, Polster bildenden Thymiane überdauern bei uns die Winter meistens besser, unter den würzigen etwa Thymus montanus, der Pfeffrige Bergthymian. Und die Boden bedeckenden, kriechenden Thymiane haben sich hervorragend gehalten, so der Kümmelthymian Thymus herba-barona, der Kriechende Zitronenthymian Thymus herba-barona var. citriodorus oder Thymus vulgaris 'Orange Spice'.
Ein bisschen mickriger zeigen sich noch die aparten Züchtungen, so 'Kokos' oder der Piniendurft-Thymian Thymus thracicus 'Pine Wood' oder Besonderheiten wie der Graue Sandthymian Thymus neicefferi, aber auch sie treiben wieder durch.
Ja, und dann könnte ich noch von den Raritäten schreiben, dem Kriechenden Orangenthymian etwa, einer lockeren, großblättrigen, flaumigen Schönheit, oder vom Portugiesischen Thymian Thymus carnosus mit hellen, kurzen, dickfleischigen Blättern, oder dem Mastix-Thymian Thymus mastichianus mit seinen großen, filzig behaarten Blüten, aber sie schafft man nur im temperierten Gewächshaus über den Winter, mehr als zwei oder drei Minusgrade sind schon zu viel.

Auch unter den Artemisien, die im Mittelmeer-Teil mitmischen, gibt es frostempfindliche, wie den zierlichen, kleinen Provence-Wermut, oder sehr zurückhaltende, wie den filigranen Levantinischen Wermut, während man den feinlaubigen Römischen Wermut Artemisia pontica nur in einem Gefäß pflanzen sollte, er wandert sonst überall hin. Und die silbrige, zarte Polster bildende Zwerg-Silberraute Artemisia schmidtiana 'Nana' erweist sich immer wieder als kapriziös, mal kommt sie durch, mal nicht.

Erstaunlich winterhart gibt sich seit Jahren schon der Currystrauch 'Darlington', mit feineren, noch stärker duftenden Blättern als der übliche Currystrauch (beide Helichrysum italicum). Erfroren ist mir dagegen, nach vielen Jahren, das schöne schmalblättrige Heiligenkraut Santolina rosmarinifolia ssp. rosm., das immer so viele kleine, gelbe Blütenköpfe trug, während bei den Lavendeln nur einige wenige Intermdia-Arten aufgegeben haben, etwa 'Fragrant Memories', andere, wie 'Alba' aber nicht. Freilich dauert der Austrieb dieses Jahr lange.

Noch ein Wort zu den Rosmarinen. Im Freien überwintern nur die als relativ frostbeständig geltenden Sorten, 'Arp' und 'Weihenstephan'. Aber sogar 'Arp' ist dieses Jahr fast ganz hin. Die vielen, interessanten Varietäten muss man ohnehin frostfrei über den Winter bringen. Bei Rosmarinen muss man damit rechnen, dass auch die als winterfest gespriesenen Züchtungen irgendwann den Geist aufgeben – vor ein paar Jahren hatte ich, nach etlichen milden Wintern, fast drei Meter hohe, ausladende, glänzend grüne Büsche. Eine scharfe Kahlfrost-Periode genügte dann, um ihnen allen den Garaus zu machen. Rosmarine lassen sich relativ leicht durch Stecklinge vermehren. Ich habe im Foliengewächshaus immer mehrjährige, große Pflanzen ‚in Reserve’.

Die etwas emfindlicheren Oregano-Sorten (der pfeffrige etwa, Origanum samothrake, oder Origanum vulgare 'Compactum') treiben jetzt erst langsam aus. Man muss eben Geduld haben mit den aus dem Süden heran geholten Köstlichkeiten, erst um Pfingsten herum ist bei mir endgültig zurück geschnitten und nachgepflanzt. Man sollte, wenn es sich machen lässt, von jeder Art oder Sorte an verschiedenen Standorten auspflanzen und sehen, wo sich das gute Stück wohl fühlt und am besten durchhält. Der sehr hübsche, zierliche und würzige Thymian 'Peter Frost' etwa ist am einen Platz schon im ersten Winter eingegangen, wenige Meter entfernt trotzt er jedem Wetter.

So bin ich denn ganz einverstanden damit, dass bei den Mediterranen – wie übrigens in anderen Bereichen auch – nicht alles klappt, was ich mir ausdenke und arrangiere. Mit Verlusten ist jedes Jahr zu rechnen. Aber es gibt auch die guten Überraschungen. So hat die exponierte, zu einem großen Busch heran gewachsene Lorbeerblättrige Cistrose Cistus laurifolius, die schon einmal bis auf einen starken Trieb zurück gefroren war, den Winter fast völlig unbeschadet überstanden, nur mit ein wenig Vlies abgedeckt. Die Knospen stehen schon in Bündeln – Anfang oder Mitte Juni wird sie mit den weißen, rosa überhauchten Blüten bedeckt sein, die an große Wildrosen erinnern, nur viel zarter, wie weiches, duftendes Pergamentpapier. Jede Blüte ist nur einen Tag lang geöffnet, am Abend liegt schon großflockiger Blütenschnee unter den ledrigen, dunkelgrünen Blättern. Aber am nächsten Tag öffnen sich wieder 20, 30, 40 Blüten – und das geht über mehr als eine Woche. Ihre schmalblättrige Schwester (Cistus incanus ssp. tauricus) ist eine dürre, kahle Ruine. Umso froher warte ich auf das Große Blühen in meiner Mini-Macchia.


Text und Fotos: Ludwig Fischer