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Ernste Gedanken zu einem Frühling ohne Regen

Wir leben in einer Zeit klimatischer Ärgernisse und Umbrüche. Auf nichts ist mehr Verlass. Der Winter war kein Winter, der Frühling setzte ungewöhnlich früh ein, der letzte Regen fiel im März. Den ganzen April hindurch gab es keinen Tropfen Wasser. Das war in weiten Gebieten Mitteleuropas ebenso. Bei normalen mittleren Temperaturen wäre ein April ohne Regen gärtnerisch zwar unangenehm, aber zu verkraften. Aber die Temperaturen lagen tagelang bei +28° bis +30°, wir hatten also, wie die Meteorologen sagen, „Sommertage“ und „heiße Tage“. Doch damit nicht genug: Die Nachttemperaturen sanken bei absolut wolkenlosem Himmel bis auf +3°. Derartigem Stress sind gewöhnlich Pflanzen ausgesetzt, die in Steppen, Halbwüsten und Wüsten leben.

Jetzt, Ende April, Anfang Mai stecken wir hier in Brandenburg auch noch in einer sehr kalten Nordostströmung, die uns nachts laufend Bodenfröste beschert. Tagsüber steigt die Temperatur nicht mehr über 17°. Der Himmel ist dabei makellos und fast dunkelblau.

Wie verhalten sich die Stauden und Gehölze?

Was sagen die Stauden und Gehölze im jamlitzer Garten zu all den Unannehmlichkeiten? Sie sind trotz Wassermangel in ihrer Entwicklung deutlich weiter, verglichen mit Aufzeichnungen aus den Jahren 2003 – 2006 im Schnitt um ca. 10 Tage. Am markantesten macht sich das bei den Gehölzen bemerkbar, z.B. bei den verschiedenen Vitis-Arten, die alle schon dicke Knospen (Gescheine) zeigen. Flieder, Weißdorn und Berberitze blühen. Die Walnüsse vor dem Haus hatten viel zu früh ausgetrieben und haben nun Frostschäden an den Blatt- und Fruchtansätzen. Dies Jahr also keine Nüsse!

Die Kleingehölze: Lavendel, Salbei, Ysop, Santolinen und alle Rosen sehen makellos aus. Rosa pimpinellifolia, eine gefüllte weiße, wurzelechte Sorte ist übersät mit Blütenknospen. Auch die anderen Rosen zeigen z.T. schon Knospen.

Die Staudengräser scheinen sich im trockenen Sandboden richtig wohl zu fühlen. Ihr Grün vermittelt den Eindruck, als stünden sie in fettem, feuchtem Boden. Wühlt man etwas im Sand, stößt man manchmal schon nach 10 cm auf Feuchte, manchmal erst nach 20 cm. Die Ursache: Sand nimmt das Wasser nicht an. Es perlt ab und sammelt sich in den Senken. Dort stößt man schneller auf feuchten Boden.

Die meisten Stauden und Gehölze hier gehen mit ihren Wurzeln in die Tiefe und holen sich das nötige Wasser. Ist dies mit Verdunstungsschutz durch silbergraues Laub verbunden, sind keine Probleme zu erwarten: Bei Nepeta-Arten und -Sorten, Sedum-Arten und -Sorten, Bergfenchel, Schwertlilien z.B. Gut überstanden haben bis jetzt aber auch Hosta und Taglilien die Trockenheit, auch Akeleien.

Euphorbia seguieriana, die Steppen-Wolfsmilch ist geradezu ein Held der Trockenheit. Unter den nordamerikanischen Stauden fallen die Kokardenblumen als besonders trockenheitsresistent auf. Und die Gaura, die sich gut durch Samen vermehren. Bis jetzt also noch keine Verluste. Aber einige typische Beetstauden kommen ohne Bewässerung nicht aus. Rittersporn und Hoher Phlox, aber auch die Herbst-Chrysanthemen brauchen Wasser. Der einzige Phlox, der sich hier ohne Hilfe hält und sogar durch Samen vermehrt, das ist Phlox amplifolia, übrigens sind auch dessen Hybriden sehr viel genügsamer im Wasserverbrauch.

Wo sich die Aprilhitze wirklich negativ ausgewirkt hat, das war bei den Narzissen und Tulpen. Kaum geblüht, verwelkten sie, schon jetzt sind die Tulpen wieder eingezogen, hatten gar keine Zeit und Gelegenheit, Kräfte für das kommende Jahr zu speichern. Symptomatisch auch, dass weder Tulpen noch Narzissen Samen angesetzt haben, die Früchte blieben taub. Bemerkenswert ist allerdings eine alte Dichternarzisse, von der es bereits vor 60 Jahren viele im Garten gab. Es waren die einzigen Narzissen, die gediehen. Diese Dichternarzisse blüht normaler Weise sehr spät, Ende Mai, Anfang Juni. In diesem Jahr bereits Ende April. Und das zwischen Steppengräsern.

Die weiteren Aussichten?

Der Osten Brandenburgs hat innerhalb Deutschlands das kontinentalste Klima. Die Verdunstung ist bei weitem höher, als die Wasserzufuhr. Die Sommertemperatur ist in den letzten 100 Jahren um über 3° gestiegen. Potsdamer Klimaforscher rechnen mit einer weiteren Abnahme die Niederschläge hier bis zu nur noch 300 mm! Schon jetzt haben wir hier richtiges Steppenklima.


Text und Fotos: Christian Seiffert