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Engelstränen

Meine Gartenerinnerungen beginnen wieder einmal in meinem elterlichen Garten in dem kleinen ostwestfälischen Städtchen. Der Boden war sandig, die Sommer feucht und das Angebot an Blumenzwiebeln deutlich kleiner als es heute ist. Dennoch waren die Ständer mit den bunt bedruckten Blumenzwiebeltüten bereits vor 30 Jahren ein wirklicher Fliegenfänger für mich. Ich konnte mich kaum sattsehen an diesen Bildern und malte mir aus, wo was im Garten am besten aussehen würde. Das Gartenbudget im Herbst floss zu 90 % in das Zwiebelsortiment; lediglich ein paar blühende Chrysanthemen und Eriken für die Schale auf der Treppe neben der Haustür waren da noch drin.

Bei Blumenzwiebeln kann man seine Träume richtig austoben. Doch die raue Gartenwirklichkeit wird auch in dieser Hinsicht zum Lehrmeister. Es zeigte sich, dass Tulpen beispielsweise in den westfälischen Sanddünen versackten und wahrscheinlich von Wühlmäusen gefressen wurden. Die regenreichen Sommermonate trugen auch nicht gerade zum Wohlbefinden der türkischen Frühlingsdiven bei. Wie anders präsentierten sich die charmanten Narzissen, die sich von Anfang an sehr viel unkomplizierter und vor allem langlebiger gebärdeten. Ihrer Anmut wegen habe ich sie ins Herz geschlossen und ihrer Verlässlichkeit wegen umso lieber seither jedes Frühjahr gepflanzt. Die Wühlmäuse waren nicht gerade begeistert, denn Narzissenzwiebeln sind für sie nicht bekömmlich und werden gemieden. Mit diesen Zwiebelblumen kann man also Pläne für die Zukunft schmieden, und nicht nur für den nächsten Frühling.

Zuallererst gehörte der dottergelbe Narzissen-Klassiker in den Garten und die Osterglocken prunkten am Zaun. Meine Mutter bestand außerdem darauf, auch die Dichternarzisse im Garten zu haben. Die Sorte 'Actaea' ist besonders verbreitet und sehr empfehlenswert. Sie entfaltet ihre klar weißen Blüten um ein gelbes, rot gerandetes Krönchen im ausgehenden April bis etwa Mitte Mai und duftet wunderbar. Es kann ein, zwei Jahre dauern, bis sich diese Sorte eingewöhnt und regemäßig blüht; dann aber ist sie ein Muster an Zuverlässigkeit. Lange Zeit war 'Actaea' auch mein Narzissenfavorit; in dieser Hinsicht waren meine Ma und ich uns völlig einig.

Doch in der Liebe muss ein junger Mann auch eines Tages eigene Wege gehen. Dieser Lauf der Dinge begann als ich die Engelstränen-Narzisse 'Thalia' kennen lernte. Sie begegnete mir in einem Gartencenter in der Nähe von Münster – und wir gingen zu mir …
Mit rund 30 cm Höhe bleibt 'Thalia' vergleichsweise kompakt. Ihre kreideweißen Blüten stehen zu zweit oder dritt an einem Schaft, nicken ein wenig und duften zart. Bereits im ersten Jahr standen die Pulks in schönster Blüte. Ihre ersten romantischen Nachbarn waren Tränendes Herz Dicentra spectabilis und Vergissmeinnicht Myosotis sylvestris. Später wurde es etwas stylischer und beispielsweise das weißlich gemusterte Laub des blau blühenden Kaukasusvergissmeinnichts Brunnera macrophylla 'Jack Frost' ® oder Austriebe von weiß gerandeten Hosta standen nebenan. Fantastisch machen sich auch dunkelrot blühende Sorten von Helleborus orientale, die gerade dann beginnen zu vergrünen, wenn die Narzissenblüte voll einsetzt. Als dritte im Bunde sind gelbe Himmelsschlüssel Primula veris durch ihre zarte Farbe erstaunlich passende Partner.

Der deutsche Name "Engelstränen" ist für mich zwiespältig. Auf der einen Seite möchte ich nicht, dass ein Engel weint – das hat so etwas Tieftrauriges. Auf der anderen Seite möchte ich mich auch nicht herausmogeln damit, dass es sich um Freudentränen der Engel handelt. Aber vielleicht ist es das rührende, im Bild eines weinenden Engels, das so gut zu den nickenden Blüten passt. Sagen wir einmal so: Mir sind Engelstränen im Frühlingsbeet in Form dieser Narzissen weit lieber, als traurige Himmelsboten.
Die silbrig schimmernd-schöne 'Thalia' löste also die Dichternarzisse als "narzissiges Nonplusultra" ab. Je mehr, je besser – ich verwende sie mit Vorliebe in Trupps ab 20 Stück aufwärts. Mit den Jahren lernte ich aber, dass es nicht nur weiße Engelstränen gibt. Vor gut zehn Jahren trat 'Pipit' in mein Leben. Er wuchs etwas höher und hat gelbe Blüten. Spannend wird es, wenn ein, zwei Tage nach dem Öffnen der Blüten sich um die Krone ein zarter weißer Schimmer blicken lässt. Die Blüte hat eine Art Heiligenschein bekommen, der ihr ob ihrer Gartentugenden voll gebührt und bestens steht. Ein Engelstränen-Traumpaar war gefunden.

Doch die beiden bekommen nun Gesellschaft. Im Frühling diesen Jahres lief mir 'Stint' über den Weg. Wir trafen uns auf einem Beet im niederländischen Keukenhof und kommen seither nicht mehr voneinander los. 'Stint' hat zart primelgelbe Blüten von gleicher Form und Haltung wie 'Thalia', bleibt aber etwas kleiner.

Diese engelhafte Dreifaltigkeit ist also in meinen Frühlingsgärten nun "gesetzt". Aber was fange ich nun mit den nächsten Aspiranten an? 'Toto' ist nämlich auch so ein kleiner Schatz, das Weiß etwas elfenbeinern und die Pflanze etwas kleiner … das Beste wird es sein, ihn erst einmal in einem Pflanzgefäß auszuprobieren und über die endgültige Verwendung später zu entscheiden …


Text und Fotos: Andreas Barlage