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Eine Winterbilanz

Wenn man am Gartentor von blühenden Krokussen empfangen wird, wenn dazwischen sogar Cyclamen blühen und die ersten Scilla blaue Blüten zeigen, dann ist man erstaunlich schnell versöhnt und fast geneigt zu sagen: so schlimm war es doch gar nicht.

Für echte Stauden – und sie zeichnen sich ja bekanntlich durch Winterhärte aus – war dieser Winter wirklich kein Problem. Manche zeigen sogar schon jetzt ein überaus üppiges Wachstum in die Breite, wie z.B. Aster ageratoides 'Asran', und der Phlox amplifolia. Die im letzten Jahr gepflanzten Bergenien, strotzen, obwohl immergrün, vor Gesundheit, die erste Sorte, ausgerechnet die mit der Bezeichnung 'Herbstblüte' beginnt schon zu blühen. Die Mohne sind reichlich da, Papaver orientale mehr denn je, überall im Garten verteilt. Und, welche Überraschung, die Sorte 'Lauffeuer' hat nun doch endlich fußgefasst, wo war sie eigentlich im vorigen Jahr?

Noch stärker hat die Zahl jenes Mohnes zugenommen, dessen botanische Namensgebung für mich immer noch unklar ist. Handelt es sich um Papaver atlanticum? Um Papaver lateritium? Jedenfalls hat er silbergrünes Laub, das nicht einzieht. Das ermöglicht diesem Mohn bis in den Vollherbst hinein immer wieder neu zu blühen (wenn man die verblühten Stiele schneidet). Die Blüten sind halbgefüllt und leuchtend orange.

Hervorragend sehen auch die verschiedenen hohen Sedum-Sorten aus, sie haben deutlich an Breite zugelegt. Liegt es am Entzug von Boden durch das Jäten oder drängen sich die Pflanzen von selbst nach oben? Einige Sedum jedenfalls machen auf mich den Eindruck geteilt und neu gepflanzt werden zu wollen.

Nicht bekommen ist dieser Winter einigen Kleingehölzen. Besonders die Santolinen Santolina chamaecyparissus haben gelitten und zwar unterschiedlich. Junge Pflanzen haben den Frost unbeschadet überstanden, ältere, im Vorjahr zurückgeschnittene, haben besonders gelitten. Aber auch ungeschnittene sehen sehr mitgenommen aus. Beim Salbei fällt die deutliche Gesundheit und Härte der Sorte 'Mittenwald' auf. 'Berggarten' und 'Grete Stölzle' haben gelitten, kommen aber von unten wieder neu.
Bei den Lavendeln sind die Wirkungen dieses Winters zweigeteilt. Alle Intermedias sehen ganz schlecht aus, während manche Lavandula angustifolia-Sorten zwar gelitten haben, aber wieder treiben. Andere wiederum zeigen nicht die geringsten Schäden. Makellos sieht der Ysop aus, makellos auch die Bitterorange, Poncirus trifoliata!

Nach Temperaturen unter -23° C muss leider auch der relativ winterharte Rosmarin 'Weihenstephan' abgeschrieben werden. Die Zistrose Cistus laurifolius hat zwar überlebt, aber ihre Gestalt verloren. Zwei einzelne Zweige zeigen noch Grün, alles andere musste geschnitten werden.

Stauden auf der Grenze

Die Erwartung milder Winter – im Rahmen der Klimaerwärmung – verleitet den Gartenamateur immer wieder die Grenzen auszutesten. So war ich guten Glaubens Erysimum 'Bowles mauve' bei dem vielen Schnee gut über den Winter bringen zu können. Das aber ist leider misslungen. Oft überwinterten Löwenmäuler den Winter schadlos. Diesmal sind sie alle verschwunden. Während eine niedrige gelb und hellviolette Sorte in Bayern auf dem schneelosen Balkon Jahr für Jahr wiederkam, ist ihr offenbar der viele Schnee in Jamlitz nicht bekommen.

Eine Bilanz

Wie ich uns Gärtner kenne, werden wir immer wieder verlockt, Grenzen zu überschreiten. Drei oder vier milde Winter darunter vielleicht ein extrem milder Winter werden uns veranlassen "Sizilien" zu spielen. Und dann ist es wieder geschehen: Die Klimaerwärmung, so sagen die Meteorologen, zeichnet sich durch Extreme aus, und dazu gehören auch kalte und lange Winter!


Text und Fotos: Christian Seiffert