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Eine weiße Wolke für den Garten…

“Tausend Johanniswolken musst Du pflanzen, Petra!” Eine Art Vermächtnis war dieser kategorische Ausruf des “grünen Revolutionärs” Wolfgang Oehme, der fern seiner sächsischen Heimat der Gartenszene jenseits des Atlantiks tatsächlich ein völlig neues Gesicht verlieh und als einer der berühmtesten Landschaftsarchitekten des späten 20. Jahrhunderts gilt. Überbordende, riesige Staudenpflanzungen, großzügig verwoben mit prachtvollen Gräsern, prägten seine Gartenkunst. Das war damals etwas spektakulär Neues im tristen, akribisch getrimmten Vorgartengrün Amerikas. Petra Pelz, eine junge deutsche Gartenarchitektin, die sich Anfang der neunziger Jahre gerade in die Selbstständigkeit gewagt hatte, war von Oehmes Umgang mit Pflanzen so fasziniert, dass sie ihm begeistert schrieb. Daraus sollte sich eine einzigartige Freundschaft entwickeln, die erst mit dem Tod ihres Mentors Ende 2011 endete. Längst hat Petra Pelz ihren Weg gemacht und ist heute eine der ganz Großen im Kreis internationaler Planerinnen und Planer von Gartenschauen und ähnlichen Projekten.

Weit mehr als die geforderten 1000 “Johanniswolken” (Polygonum polymorphum, neuerdings Aconogon speciosum) dürfte sie inzwischen gepflanzt haben, denn Wolfgang Oehmes erklärte Lieblingspflanze ist schnell auch einer ihrer Lieblinge geworden.

Aha, denken nun vielleicht botanisch kundige Gartenfreunde alarmiert, Polygonum, das muss dann doch ein Knöterichgewächs sein! Leben die Mitglieder dieser nassforschen Familie nicht bekanntermaßen nach dem dreisten Prinzip “ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert”? Plattmacher, Egoisten, Wucherer und Würger, sind sie das nicht alle miteinander? Gemach gemach, ganz so schlimm ist es nicht. In keiner Familie gibt es nur schwarze Schafe, und die weithin leuchtende, bis zu 3 Meter hoch werdende “Johanniswolke” ist zwar eine imposante Schönheit, gehört aber keinesfalls zu den Wucherern.

Für große Gärten ist sie ganz sicher allererste Wahl. Ihre Ansprüche sind, besonders wenn man das rasante Wachstum bedenkt, erstaunlich bescheiden. Sonne oder Halbschatten sind ihr gleich recht, Trockenheit wird klaglos ertragen, Krankheiten sind ihr fremd, und unsere schleimigen Feinde kriechen entnervt davon. Bereits früh im Jahr regen sich die mächtigen Horste, und ab Ende Mai, während die Pflanze immerfort weiterwächst, erscheinen in rauschhafter Fülle cremeweiße Blütenrispen, die uns verstehen lassen, wie ‘Johanniswolke’ zu ihrem Namen kam. Im Spätsommer wandelt sich die Farbe der Blütenrispen in ein sanftes Rostrot, was zusammen mit Herbstblühern neue interessante Akzente schafft. Ob wir einige Exemplare zum Gerüst einer großzügigen Pflanzung machen, die schöne Wolke als Solitär zu Ehren kommen lassen, oder unerwünschte Aus- und Einblicke im Garten mit ihrer Hilfe in einen reizvollen Hingucker verwandeln – Möglichkeiten gibt es viele.

Eines soll allerdings nicht verschwiegen werden: Unsere duftig anmutende Schöne – leider, sie duftet nicht, sie riecht. Manche fühlen sich an die Würze von Liebstöckel erinnert, andere meinen aber auch, so aparte Zusatznoten wie “nasser Hund” oder gar “Schweinestall” zu erschnuppern. Die Begeisterung für diese herrliche Großstaude sollte das jedoch nicht schmälern, zumal der Vorgewarnte allzu große Nähe zur sommerlichen Kaffeetafel im Garten durch kluge Standortwahl gewiss vermeiden wird.

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – Bis zum nächsten mal…


Text und Fotos: Angelika Traub