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Ein Stück Kulturgeschichte

Einer meiner Standardsätze bei Führungen durch den Kräutergarten lautet: "Pflanzen sind nicht nur etwas Grünes, das wächst; sie verkörpern auch ein Stück Kulturgeschichte – seit Jahrtausenden haben die Menschen eine gemeinsame Geschichte mit den Kräutern."

Für diesen Satz mache ich halt beim Echten Bärenklau (Acanthus hungaricus) – immer noch ragen die Blütenstände, große Ähren mit den vielen Etagen der auffälligen Blüten auf, über einen Meter hoch. Seit Anfang Juli schiebt die Pflanze immer neue Blütenstände nach.

Die Blüten selbst sind raffiniert gebaut: Die weiße Krone leuchtet zwischen einem kürzeren, unteren Hüllblatt und einem langen, gewölbten, oberen Hüllblatt auf, beide weisen eine dunkle Aderung auf, das untere hat starke, dornige Spitzen.

Die Blütenstände wachsen kerzengerade aus einem Busch großer, tief eingekerbter, dunkelgrüner Blätter. Voriges Jahr trieb die Staude über dreißig dieser auffälligen Blütenkunstwerke aus. Jedes Jahr wird der Staudenbusch des Acanthus größer, selbst der üble Winter in diesem Jahr konnte ihm nichts anhaben.

Früher soll Acanthus einigen Kräuterpräparaten beigegeben worden sein, heute hat die Pflanze keinerlei medizinische oder kulinarische Bedeutung. Bei mir steht sie im Kräutergarten nicht nur, weil sie außerordentlich attraktiv ist – einige wenige solcher Stauden habe ich aufgenommen.

Vielmehr dient mir die auffällige Pflanze dazu, durch einige historische Hinweise zu erläutern, dass zu den Kräutern auch Gewächse gezählt wurden, die im Wesentlichen eine symbolische Bedeutung hatten. So stehen im 'Klosterbezirk' eine dunkel violett-farbige Schwertlilie (Iris barbata elatior 'Superstition') – die Schwertlilie symbolisierte die Tugend vor allem Mariens – und weiße Lichtnelken (Lychnis coronaria 'Alba'), wie die Madonnenlilie (Lilium candidum) Symbole der Jungfräulichkeit und Reinheit der Madonna.

Acanthus aber hatte in der Antike eine sehr konkrete symbolische Funktion: Das reich gegliederte Blatt der Art Acanthus mollis diente als Vorbild für den Schmuck am Oberteil griechischer Tempelsäulen. Ein doppelter Acanthuskranz umschließt das Kapitell korinthischer Säulen und war somit ein Element des heiligen Bereichs. Acanthus hungaricus, dessen bis zu 70 Zentimeter lange, grundständige Blätter mit einer ganzen Reihe tiefer Einkerbungen reich gegliedert sind, eignet sich gut, um verständlich zu machen, weshalb vor fast 3000 Jahren die Bildhauer dieses 'Naturprodukt' in Stein meißelten.

Ich freue mich immer neu an den wunderbar 'gebauten' Blättern und Blüten des Acanthus – viel zu selten wird diese langlebige Pracht in die Gärten gepflanzt –, aber ich kann nicht an dem großen Gewächs vorbei gehen, ohne an die antiken Künstler zu denken. Untrennbar ist menschliche Kulturgeschichte mit dieser Pflanze verbunden, wie bei vielen anderen Kräutern in meinem Garten auch. Wenn man davon weiß, verändert sich die Wahrnehmung des 'Grünzeugs'.


Text und Fotos: Ludwig Fischer