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Ein königlicher Gigant

Eine Pflanze, die in ihrem zweiten Lebensjahr eine Höhe bis 3,50 m erreicht, die einen unteren Stammdurchmesser von 10 cm haben kann, ist sie nicht wahrhaft königlich? Etwa wie die Strauchpäonien, die jahrhundertelang allein dem chinesischen Kaiser vorbehalten waren? Solche Gedanken mögen dem Zaren Alexander I durch den Kopf gegangen sein. Er suchte nach einem würdigen Gastgeschenk. Der Wiener Kongress war „erfolgreich“ zu Ende gegangen, die alten feudalen Zustände nur mit neuen Grenzen wieder hergestellt. Federführend, und heute würde man sagen als Moderator hatte sich der österreichische Außenminister Fürst Metternich bewährt. Das musste belohnt werden. Am 9. Juni 1815 findet die Abschlusstagung statt. Wie bedankt sich der Zar beim Fürsten?

Er schenkt ihm eine gewaltige Vase aus Malachit. Doch damit nicht genug, die Vase war gefüllt mit Samen der königlichen Riesenpflanze, der Herkulesstaude, Heracleum mantegazzianum. Nein, das war kein hinterhältiges Geschenk, sondern ein zaristischer Spaß, ein Geschenk von Fürst zu Fürst, sicher mit einigen erklärenden Worten. Wohl auch darüber, dass so viel Größe nur im großen Russland wachsen kann.

Fürst Metternich, und jetzt ein wörtliches Zitat aus dem Internet: „Der Fürst pflanzte diese in den Treibhäusern seiner Sommerresidenz in Böhmen im Schloss Königswart als Zierpflanzen an“. Der arme Metternich musste alles allein machen. Wahrscheinlich hat er auch selber gekocht. Aber, Spaß beiseite, damit hatte die Herkulesstaude den großen Schritt nach Mitteleuropa vollzogen, nicht langsam von Pflanze zu Pflanze über tausende von Kilometern, sondern mit menschlicher Hilfe.

Dass eine Pflanze diesen Ausmaßes in die Botanischen Gärten gehört, versteht sich von selbst. 13 Jahre nach dem Schlussakt in Wien visitierte der weimarer Hofbeamte Goethe die Universität in Jena. Und er ließ es sich nicht nehmen auch einen Rundgang durch den botanischen Garten zu machen, dessen Gründer er war. Er hatte veranlasst, den Lustgarten in einen Botanischen Garten umzubauen. Am 7. Juli 1828 schreibt er in sein Gartentagebuch: „Abgestiegen im botanischen Garten. Heracleum speziosum betrachtet und bewundert.“ Im Herbst hat er sich Samen schicken lassen. Wahrscheinlich hat er ihn selber ausgesät (im Unterschied zu Metternich). Drei Jahre später steht unter dem 30. Mai: „Im Garten, das unglaubliche Wachsthum des Heracleum speciosum angesehen“. Und am 17. Juni: „ das Heracleum speciosum hat sich endlich zur Blüthe entfaltet und gab immer mehr zur Betrachtung auf Metamorphose bezüglich Anlass“. Am 19. Juni zeichnet Friedrich Preller die Herculesstaude im Garten am Frauenplan. Preller hatte an der Zeichenschule in Weimar studiert und für Goethe Pflanzenzeichnungen angefertigt. Schließlich hat die Herkulesstaude eine Höhe erlangt, die sich der Betrachtung Goethes entzieht. Da lässt er einen Beobachtungsstand bauen, von dem aus er von oben in die Blüten schauen kann. Im selben Jahr schließt er seine botanischen Arbeiten ab. Im Jahr darauf 1832 stirbt der große Botaniker und Gärtner.

Heracleum mantegazzinum bleibt für einige Jahrzehnte in den botanischen Gärten. Erst 1890 breitet es sich in Europa aus, zunächst in englischen Königsparks, dann bald überall als Zierpflanze. Zum invasiven Neophyt wurde es erst, als es unter Imkern als Bienenweide empfohlen wurde, es die Jäger als Schutz des Wildes entdeckten und Landschaftsgestalter meinten, man könne damit Hänge befestigen. Alles in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und alles eine Fehlspekulation.

Heute wird man sie kaum wieder los. Ihre hohe phototoxische Giftigkeit ist inzwischen allgemein bekannt, Berührung bei Sonnenlicht führt zu starken, schlecht heilenden Verbrennungen, kann sogar zu partiellen Veränderungen der DNA führen. Dabei dienen die Furocumarine dem Bärenklau eigentlich nur dazu, sich vor mikrobakteriellen Attacken zu schützen.

Wer in seinem Garten einen gigantischen Doldenblütler braucht, der ist mit der Engelwurz gut bedient. Angelica archangelica wird zwar „nur“ 2,50 m hoch, hat aber den Vorteil, dass man die Stiele kandieren und aus den Wurzeln Tee bereiten kann. Und dann gibt es noch eine etwas zierlichere in Laub und Stiel purpurrote Engelwurz, eine sehr imposante Pflanze. Aber aufpassen, auch die Angelicas sind bei Sonnenlicht nicht ungefählich.


Text und Fotos: Christian Seiffert