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Ein kleines Wunder – der Regenwurm

Wie kann es sein, dass ein blinder, tauber, stummer, zahnloser, meist unsichtbar im Boden lebender Wurm zu den erstaunlichsten, segensreichsten, fleißigsten und ökologisch wertvollsten Geschöpfen unserer Erde gehört? Und wer weiß eigentlich, wie der Regenwurm zu seinem Namen kam? Nun, die meisten glauben es zu wissen, aber mit Regen hat sein Name nichts zu tun! Das und mehr wollen wir einmal genauer beleuchten.

Der Regenwurm? Da geht es schon mal los: Allein hierzulande zählen wir 49 verschiedene Arten, weltweit wurden bisher sogar etwa 3000 bestimmt. Sie können bohrend und grabend das 50- bis 60-fache ihres eigenen Körpergewichts stemmen. Gemessen an Gewicht und Größe zählen Regenwürmer deshalb zu den stärksten Tieren unseres Planeten und erreichen, auch das ist eine erstaunliche Zahl, den höchsten Biomasseanteil unter allen Bodentieren.

Jeder kennt vermutlich diese beiden Vertreter:

Der große Tauwurm (Lumbricus terrestris) ist mit seinen bis zu 30 Zentimetern Länge in unseren Breiten der stattlichste seiner Art und zudem ein überaus intensiv arbeitender und in tiefe Bodenschichten vordringender „Workoholic“. Seine Gänge reichen bis in drei Meter Tiefe!

Jeder, der einen Komposthaufen hat, kennt den etwas zierlicheren Kompostwurm (Eisenia foetida), er wird nur bis zu 14 cm lang und ist gut an seiner rötlichen Farbe und den gelblichen Ringen zu erkennen. Küchen- und Grüngutabfälle sind sein Lebenselixier, denn er ist in besonders hohem Maß auf organisches Material angewiesen und verwandelt so für uns sein „Futter“ fleißig in allerbesten Kompost.

Aber wie erklärt es sich, dass Regenwürmer, gemessen an ihrer Größe, so unglaublich effektiv arbeiten? Bei zuträglichen Bedingungen (nicht zu trockene und möglichst lockere Erde) leben durchschnittlich 100 Regenwürmer in einem Quadratmeter Boden, es können aber auch noch deutlich mehr sein. Durch ihr unermüdliches Graben und Fressen - sie verspeisen jeden Tag etwa ein Volumen, das der Hälfte ihres Körpergewichts entspricht - wird der Boden durchmischt, gelockert, belüftet und gedüngt. Je mehr Regenwurm-Gänge ein Boden aufweist, desto weniger Nässe kann sich stauen, stattdessen speichert ein so durchgearbeitetes und drainiertes Erdreich den Regen wie ein Schwamm. Oberirdisch lagerndes Pflanzenmaterial wird - meist nachts - in die Wohnröhren gezogen. Bis zu 20 Blätter kann ein einziger Wurm in einer Nacht unter die Erde ziehen. In seiner unterirdischen „Kompostanlage“ lässt er dann Pilze und Bakterien die Vorarbeit leisten, denn erst, wenn die Pflanzen weitgehend verrottet sind, kann der zahnlose Wurm sie fressen. Das Endprodukt, sein Kot, gehört zu den wertvollsten Düngern überhaupt.

 

Regenwurmsex

Wer hätte gedacht, dass das Liebesleben der unscheinbaren, still und bescheiden vor sich hinlebenden Regenwürmer geradezu bizarr und kompliziert ist? Wie auch immer, der Erfolg gibt der Methode recht, denn sie hat sich seit Jahrmillionen bewährt:

Die Paarung findet meist im Frühsommer oder Herbst statt, dann sind Bodentemperatur und -feuchtigkeit für die Fortpflanzung optimal. Nach Regenfällen, oder wenn der Boden gut mit Feuchtigkeit versorgt ist, verlassen die geschlechtsreifen Tiere – man kann sie am „Gürtel“ im ersten Drittel ihres Körpers erkennen - im Schutz der Dämmerung oder Nacht ihre Gänge und gehen auf Partnersuche. Haben sie einen Partner gefunden (wie immer ihnen das blind und taub gelingt, vielleicht besitzen sie noch nicht erforschte Riechzellen?), dauert die Paarung mehrere Stunden. Zwar sind alle Regenwürmer zweigeschlechtlich, paaren sich aber ausschließlich als Männchen. Sie legen sich seitenverkehrt aneinander, verkleben sich mit Schleim und drücken ihren Samen in die Samentasche des anderen. Nach dem Austausch der Samenzellen und der behutsamen Trennung findet erst nach einigen Tagen die Befruchtung der Eizellen statt. Ein mühsamer, aber offensichtlich erfolgreicher Prozess: Mit den Drüsenzellen der Gürtelzone wird eine Art Kokon aus Schleim gebildet, der durch die Bewegung des Regenwurms den Körper nach und nach passiert und dann abgestoßen wird. Während dieser „Wanderung“ werden eigene Eizellen abgegeben und vom Partnersamen befruchtet.

Der Kokon wird mit einer die Larven ernährenden Eiweißschicht gefüllt. Für „Mamapapa“ Regenwurm ist die Fortpflanzung damit beendet.

Je nach Art und Witterung schlüpfen nach 20 – 140 Tagen die vollständig entwickelten Jungwürmer.

Paarungsrate und Anzahl der gebildeten Kokons der Arten schwanken erheblich. Besonders emsig vermehrt sich der Kompostwurm, so dass es nicht erstaunt, dass es im reifenden Komposthaufen nur so von Würmern wimmelt.

 

Aufklärung tut Not: Aus eins mach zwei?

Immer noch hält sich dieser Mythos hartnäckig, und bis Ende des letzten Jahrhunderts lernten es Kinder nicht selten im Biologie-Unterricht: Aus einem in der Mitte durchgeschnittenen Regenwurm entwickeln sich zwei neue. Wie konnte sich dieser Unsinn nur so lange halten? Auch ein Regenwurm hat nun mal nur einen Kopf, mit dem er fressen kann, nur dort sind seine überlebenswichtigen Organe angesiedelt. Durchtrennt man ihn, wird nur das Vorderteil (vielleicht) überleben können, wenn noch ein Stück Darm vorhanden ist. Dann kann das hintere Ende tatsächlich nachwachsen, allerdings deutlich schwächer als zuvor. Häufig hat die Verletzung aber eine Infektion zur Folge, die zum Tod des Wurms führt.

 

Wie kam der Regenwurm denn nun wirklich zu seinem Namen?

Fast jeder würde wohl antworten „weil er bei Regen massenhaft an die Erdoberfläche kommt“. Sein alter, noch im 17. Jahrhundert gebräuchlicher Name „reger Wurm“, bringt uns auf die richtige Spur. Seine unermüdliche Erdarbeit war also namengebend. Regen hingegen ist des regen Wurms Feind und bereitet ihm nicht selten ein jähes Ende. In seine Gänge eindringendes Wasser und das Trommeln der Regentropfen drängen ihn nach oben, wo zwar nicht der stets hungrige Maulwurf lauert, dafür aber todbringendes UV-Licht und viele andere Fressfeinde nur auf einen fetten Happen warten.

Wie wäre es mit einer Umbenennung in „Segenwurm“? Verdient hätte er es allemal!


Text: Angelika Traub
Fotos: Wikimedia Commons, User Rob Hille, Lizenz CC-BY-SA 3.0