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Ein Garten macht sich selbstständig

Als der Tiefgarten im Osten des Hauses 1985 angelegt wurde, konnte ich mir natürlich nicht recht vorstellen, wie er 27 Jahre später aussehen würde. Dabei wäre eine grobe Zielrichtung immerhin zu erahnen gewesen: Einige Gehölze kamen gleich am Anfang in den Boden: Eine Haselnuss, drei Kiefern, ein Goldregen. Hinzu kamen zwei Jahre später wilde Perückensträucher aus Italien, Buchs-Sämlinge und eine Kornelkirsche.

Dieser Gartenbereich erhält von 10 bis 15 Uhr Sonne, davor und danach lichten Schatten. All die Gehölze stehen am Rande über dem Tiefgarten. Die Haselnuss ist kein Strauch mehr, sondern ein mehrstämmiger Baum von 9 m Höhe, der Goldregen (Laburnum x watereri Vossii), inzwischen eingeklemmt zwischen Hasel und Kiefern, schiebt immer wieder Äste ins Licht und erzielt damit eine viel natürlichere Wirkung, als es ein freistehender Goldregen vermag.

Die wilden Perückensträucher verweigern einen aufrechten Wuchs. Sie kriechen oder lassen sich hängen. Und wenn der Herbst günstig verläuft, dann erinnert ihr rotes Laub an die Kalkhänge der Südalpen. Ach ja, noch ein paar Gehölze sind zu erwähnen: Zwischen Cotinus und Rosensämlingen versucht seit Jahren Jasminum nudiflorum endlich einmal zu blühen. Also eine Gehölzwildnis das Ganze und dennoch wirkt es ziemlich kultiviert. Was sich davor und darunter bei den Stauden tut, ist nicht minder spannend.

Im zeitigen Frühjahr beginnen an der Sonnenseite zwei Helleborus-Arten mit der Blüte: Helleborus foetidus und etwas später Helleborus Orientalis Hybriden. Beide sind kaum zu bremsen, überall im Garten tauchen Sämlinge auf. April, Mai und der halbe Juni sind dann ein gelber Zeitabschnitt: Primeln, Euphorbia polychroma und von oben der Goldregen. Die Euphorbien samen sich reichlich aus, wie auch die Schneemarbel, Luzula nivea. Die ersten Samen stammten aus Oberitalien.

Es folgt eine rote Phase: Das kostbarste Stück ist eine einfach blühende Paeonia tenuifolia, die sich leider nicht versamt, sich dafür aber sehr langsam doch kontinuierlich vergrößert. Die wilden Pfingstrosen dagegen, Paeonia officinalis, Samen vom Wildstandort nördlich Gardasee, finden im Tiefgarten ständig neue Plätze. Das Gleiche gilt für Geranium sanguineum und für Origanum vulgaris.

Der Sonne abgewandt, zu Füßen einer Trockenmauer, in der Mauer und auf der Mauer hat sich eine bunte Gesellschaft eingerichtet. Keine der Arten dominiert, alle halten sich im Gleichgewicht. Krustiger Steinbrech, Saxifraga paniculata, Porzellanblümchen, Saxifraga x urbium, Dryas octopetala und dazwischen eine Staude Anthericum ramosum, die sich erstaunlicher Weise nicht vermehrt, obwohl sie reichlich Samen bildet. In der Mauer hat sich der Hirschzungenfarn Asplenium scolopendrium ausgebreitet. Es verwundert und erfreut, wie dieser Farn das mit seinen mikroskopisch kleinen Sporen zustande bringt.

Die Problempflanzen sollen nicht verschwiegen werden. Geum urbanum, der echte Nelkenwurz ist eine durchaus ansehnliche Wildstaude, die aber einen großen Drang hat, sich zu versamen. Die heimische Walderdbeere, Fragaria vesca macht Ärger durch ihre immense Ausläuferbildung. Das Gleiche gilt für das Seifenkraut, Saponaria officinalis. Richtig bösartig aber verhält sich der schwarze Schwalbenwurz, Vincetoxicum nigrum, eine Kletterstaude, die sich ins Gesträuch windet, dort blüht und, eh man sich versieht, ihre Flugsamen ausstreut. Das Jäten ist durch starke und tiefe Wurzeln nur von vorübergehender Wirkung.

Die Problempflanzen nehmen eine ganze Menge Platz ein. An Stellen, wo man sie beseitigt, wenn auch nur vorübergehend, entsteht ein wenig offener Boden, eine Möglichkeit, den Tiefgarten mit weiteren Arten zu bereichern. So sind Lungenkräuter hinzugekommen und vor allem Alpenveilchen, Cyclamen purpurascens, denen es unter den Kiefern und Buchsbäumen zu dunkel geworden war.

Dieser Tiefgarten mit Wildgehölzen und Wildstauden überrascht zu jeder Jahreszeit und über die Jahre hinweg. Das schnelle Wachstum der Randgehölze hat ihn stark verändert. Und immer wieder sind es neue Höhepunkte, die er zu bieten hat. Bevor der Schnee am 29. November alles zudeckte, war das rote Laub der Perückensträucher und das intensive Dunkelgrün der Lenzrosen solch eine Augenweide.


Text und Fotos: Christian Seiffert