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Ein Blick in alte Zeiten

Über Johannes Böttner haben wir im Gartenmagazin schon ausgiebig berichtet, insbesondere über sein Gartenbuch für Anfänger, erschienen 1895 bei Trowitsch in Frankfurt/Oder. Heute möchte ich auf einen Teil des Buches eingehen, den man gewöhnlich überblättert, links liegen lässt, den Anzeigenteil. Ein Buch mit Anzeigen? Der Verlag begründet dies mit dem Bedürfnis der Leser, nach der Lektüre des Buches nun auch zu erfahren, wo er hochwertigen Gartenbedarf und Saatgut günstig erwerben kann. Dass er bei der Produktion des Buches durch die Inserate erheblich Kosten spart, verschweigt der Verlag lieber.

Für uns aber sind diese Anzeigen aus den Jahren 1894/95 eine spannende Lektüre, ein Blick zurück auf die Zeit vor 125 Jahren.

Wären die Anzeigen nicht in Fraktur-Edelschriften und mit Schmuckleisten versehen, so weit weg von heute sind sie gar nicht. Es muss eine Blütezeit des Versandhandels gewesen sein. Immer heißt es: Preisliste oder Kataloge jederzeit portofrei. Die Maschinenfabrik Brill verschickt ihre Rasenmäher „franco“ an jede Bahnstation in Deutschland. Nonne & Hoepker, Gärtnerei für Versand, liefert Sämereien und Topfpflanzen, Baumschulartikel, Stauden, Blumenzwiebeln, Chrysanthemum. Die Köllner Baumschulen bei Elmshorn betreiben ein „Versandgeschäft nach dem In- und Auslande“.
Interessant sind auch gelegentliche Preisangaben. So verkauft die Fa. Ed. Poenicke aus Delitzsch bei Leipzig 100 Erdbeerpflanzen für 2 – 2,5 Mark. Das war nicht so preiswert, wie es uns erscheint. Mit 2 Mark konnte man um die Jahrhundertwende 2 Zentner Kohlen kaufen oder 8 Liter Milch. Andererseits verdiente ein Hafenarbeiter im Monat 61 Mark! Eine zweite Anzeige mit Preisangaben stammt aus Posen. Der Rebschulbesitzer Urbanski bietet zweijährige Wurzelreben, 1. Qualität für 3 Mark das Stück. Urbansky schwärmt von seiner Eigenzüchtung „Triumpfweintraube“, für ihn war es selbstverständlich, im damaligen Preußisch-Polen Wein anzubauen.

Auffallend ist die Fülle an Geschäften mit Sämereien. Es werden Blumen- und Gemüsesamen, sogar Waldsamen angeboten, oft kombiniert mit Vogelfutter aller Art, aber auch Pflanzkartoffeln. Bei der Samen- und Pflanzenhandlung Carl Hecker kann man aus 120 Kartoffelsorten auswählen. Außerdem hat sie Haarlemer Blumenzwiebeln im Angebot. Werden von anderen Firmen Blumenzwiebeln angeboten, dann sind es auch immer Haarlemer, damals ein stehender Begriff. Straub & Banzenmacher in Ulm betreibt neben Samenhandel auch selbst Samenzucht. Und nicht nur das, die Firma bietet selbstgezogene Ulmer Spargelpflanzen an. Als Zugabe erfährt man noch, dass Straub & Banzenmacher die alleinigen Hersteller eines geruchlosen Blumendüngers sind. Noch in den frühen Jahren der DDR konnte man bei F.C. Heinemann „mit der säenden Hand“ Gemüse- und Blumensamen bestellen. In seiner Anzeige 1894/95 ist Heinemann noch Königlich Preußischer Hoflieferant. 1972 wurde die Firma verstaatlicht.

Während heutzutage Gartenzeitschriften voll sind mit Anzeigen für technisches Gerät, sind es im Böttner-Buch nur drei Firmen. Gebrüder Brill bieten ihren Rasenmäher „Germania“ an, ein Handrasenmäher, wie er auch heute noch verwendet wird. Die Firma landete 1986 bei Gardena. Interessant ist das Angebot von Wilhelm Spilger aus Zwickau, Fabrikation von Gartenwerkzeugen. Da ist einmal die „Gartenscheere Reform“, daneben aber alles, was der Laie, aber auch der Fachmann braucht. Vom Kopolier- und Stecklingsmesser bis zur Baumsäge und dem Obstpflücker. Gießkannen und Spritzen (Preis 22 Mark!) bietet C. Hildebrandt aus Berlin an. Man nennt sich Special-Fabrik für Garten- und Gewächshausspritzen.

 

Was ist nun vor 125 Jahr anders als heute? Zunächst muss berücksichtigt werden, dass die 19 Anzeigen in diesem Buch kein repräsentatives Abbild der gärtnerischen Wirtschaft im damaligen Deutschland sein können. Aber immerhin: auffällig ist, dass das Wort „Staude“ so gut wie nicht vorkommt. Die einzige Firma, die Stauden namentlich anbietet, ist Wilhelm Pfitzer. Es kommen in der Anzeige Astern, Rittersporn und Phlox vor. Im Vordergrund aber stehen Gemüse- und Blumensamen. Auch Pfister (Handelsgärtnerei und Samenhandlung) ist kein Spezialist, sondern wie die meisten anderen Anzeigen-Firmen ein Universalist. Erfreulich war die Vielzahl an Samengeschäften, woraus man den Schluss ziehen kann, wie umfangreich das Angebot gewesen sein muss. Die Universalisten spiegeln auch die Gärtnereien-Landschaft wider. Es gab noch kaum Spezialbetriebe. Eine gute Gärtnerei hatte alles zu bieten. Davon sind wir heute natürlich weit entfernt. Ob das ein Vorteil ist?


Text: Christian Seiffert
Fotos: Christian Seiffert (aus dem Gartenbuch für Anfänger von Johannes Böttner)