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Echter Safran!

In diesem Jahr habe ich im Kräuter-Schaugarten eine kleine Sensation erlebt: Der Safran hat geblüht! Vor sechs Jahren hatte ich zwei Hände voll Safran-Knollen (Crocus sativus) in die Erde gesenkt, und in jedem Herbst erschienen die dunkelgrünen, schmalen Blätter dieses Krokus’, die man fast mit lockerem Gras verwechseln kann. Aber nie trieben die Knollen auch nur eine einzige Blüte aus. Und jetzt auf einmal über ein Dutzend der großen, leuchtend fliederfarbenen Krokusblüten.

Wer sich ein bisschen informiert, findet rasch die Erklärung für das Erlebnis: Das Safrangewächs stammt aus den trockenen Gebieten des Nahen und Mittleren Ostens. Die Hauptanbaugebiete liegen heute im Iran und im Mittelmeerraum – Griechenland, Spanien, Südfrankreich, Türkei, Marokko. Im Kleinen aber auch in Österreich (Wachau) und sogar in der Schweiz und in winzigen deutschen Arealen (Pfalz, Baden-Württemberg, Sachsen) wird ein wenig Safran kultiviert. Die Pflanze braucht, um zu blühen, einen relativ trockenen Boden, eben wie in den Steppengebieten, aus denen sie ursprünglich kommt.

Also konnte ich eigentlich nicht erwarten, dass der Safran bei mir in Norddeutschland, wo es auch in den meisten Sommern ordentlich regnet, es je bis zur Blüte bringen würde. Ein Gärtner-Freund hatte mir geraten, die kleine Fläche, in der ich den Krokus hege, im Sommer mit Folie abzudecken, um den Knollen Trockenheit zu bieten. Das erschien mir dann doch ein wenig riskant – womöglich gäben die heiklen Gewächse bei zu viel gut gemeintem Nässeschutz den Geist auf.

In diesem Jahr aber hatten wir im August, bis in den September hinein, eine ziemlich trockene Phase mit zeitweilig hohen Temperaturen, also eine Ahnung von südländischen Wetterlagen. Offenbar hat der Krokus das gebraucht, um sich zum Blühen zu entschließen. Zehn Tage lang hielten sich die zarten Blüten, und die langen, orangefarbenen Narben, die das Safrangewürz ergeben, reckten sich aus den violetten Kelchen. Der Griffel teilt sich in drei bis sechs solcher intensiv gefärbten und färbenden Narben, sie ragen einige Zentimeter heraus. Sie müssen von Hand aus den Blüten gepflückt werden – für ein Gramm des echten Safrangewürzes, das eben aus den getrockneten Narben besteht, braucht man etwa 150 Blüten, für ein Kilogramm also mindestens 150.000 Blütenkelche, die auf ca. 10 Hektar wachsen!

Entsprechend teuer war schon immer das begehrte Gewürz, bereits die antiken Autoren liefern zahllose Belege dafür, dass es sich um ein rares Luxusgut handelte – und heute noch handelt. Fürsten und Könige und Kaiser konnten es sich leisten, nicht nur Speisen mit Safran zu würzen, sondern auch Safrannarben auf die Laken zu streuen – schon der Duft galt als ein starkes Aphrodisiakum. Im Hohen Lied des Königs Salomo, im Alten Testament, heißt es, der Schoß der Geliebten dufte nach Safran…

Ich habe deshalb die Safranknollen in das ‚Lustgärtlein’ des Schaugartens gepflanzt. All die Jahre konnte ich aber von den Safranblüten und dem kostbaren Gewürz bei den Führungen nur erzählen, nie waren sie zu sehen. Jetzt aber, wo die sagenumwobene Pflanze endlich einmal blühte, war die Gartensaison bei mir schon vorbei – in der zweiten Oktoberhälte ist im übrigen Garten nicht mehr sonderlich viel Attraktives zu sehen, auffällige Spätblüher-Stauden wie Dahlien, Astern, Phloxe gibt es nicht, bis auf einige Silberkerzen (Cimicifuga), das Patagonische Eisenkraut (Verbena bonariensis), letzte Lauche (z.B. Allium odoratum) und einen tatsächlichen bis in den November blühenden, hohen Lavendel (Lavandula x intermedia 'Hidcote Blue Giant').

So hatte ich die Freude am blühenden Safran ganz für mich, und immer wieder rief ich mir, wenn ich die kleine Blütengruppe betrachtete, all das auf, was ich von der berühmten Pflanze gelesen hatte. Zum Beispiel, wie die Händler das rare Gewürz oft fälschten, mit dem ebenfalls färbenden Kurkuma oder mit Blütenröhren der Färberdistel (Carthamus tinctorius). Es gab in den Handelsstädten regelrechte Kommissionen, die die Echtheit des Gewürzes prüften.

Und ich erinnerte mich, dass Safran nicht nur als starkes, stimulierendes Gewürz verwendet wurde, sondern auch zum Färben – als ich eine Narbe bei Nieselregen berührte, färbten sich meine Finger intensiv gelb, ich konnte den Farbstoff nur mit Mühe wieder abwaschen. Dass Speisen gefärbt wurden, Reis oder Gebäck zum Beispiel, sagt uns auch ein alter Kinderreim: „Safran macht den Kuchen geel.“ Und man färbte Kleider mit einer Safranlösung. Davon spricht schon der griechische Mythos: Die Göttin der Morgenröte, Eos, galt als eine Verführerin schlechthin, weshalb Zeus sie mit dem Tod ihrer Kinder bestrafte. Ihr Kleid aber war ‚safranfarben’ – daher die goldgelbe Himmelsfärbung kurz vor Sonnenaufgang.

Dass Safran als Aphrodisiakum gilt, enthält eigentlich ein kleines Paradox. Denn der Safrankrokus (Crocus sativus) selbst ist unfruchtbar: Botanisch geht er auf eine triploide Mutation des im Mittelmeerraum heimischen Crocus cartwrightianus zurück. Man kann also den Safrankrokus nur vegetativ, durch Brutknollen vermehren. Dass ändert aber nichts an seiner legendären Geltung als ‚Liebespflanze’. Immerhin kann ich jetzt sagen: Sogar bei mir in Norddeutschland habe ich sie jetzt blühen sehen.


Text und Fotos: Ludwig Fischer