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Duft-Veilchen

Veilchen waren immer da. Zumindest habe ich keinen Garten gepflegt und angelegt, der ohne sie auskam – und so einen Garten will ich mir auch gar nicht vorstellen. In jedem Jahr gehören sie zu den ersten blühenden Stauden. Und das Beste: Sie gedeihen vorzüglich im Schatten von Gehölzen aller Art. Obwohl sie so klein sind, kann man sie nicht übersehen – und erst recht nicht "überriechen"; zumindest, wenn sich ein Pulk etabliert hat. Der Veilchenduft ist legendär und zahlreiche mehr oder weniger prominente Menschen sind ihm rettungslos verfallen; ich befinde mich also mit meiner Vorliebe für die Romantikblümchen in allerbester Gesellschaft, denn nicht nur Goethe mochte die blumig gewordene Bescheidenheit. Erstaunlicherweise haben ausgerechnet viele berühmte Männer aus ihrer Schwäche für das sprichwörtlich blaue Blümeken keinen Hehl gemacht.

Den Aufzeichnungen nach macht der griechische Gott des Feuers und der Schmiedekunst Hephaistos den Anfang mit seiner Veilchenschwärmerei. Doch es scheint ein Kalkül dahinter gesteckt zu haben, denn er bekam es fertig, den Duft zu fixieren und sich damit einzuparfümieren. Das täuschte über seinen körperlichen Makel (Hephaistos hinkte) ein wenig hinweg und die von ihm begehrte Aphrodite, ihres Zeichens Göttin der Liebe und Schönheit, ließ sich hinreißen, ihm das Eheversprechen zu geben. Dass die Ehe aufgrund der Treulosigkeit der Lady nicht als rundum gelungen galt, steht auf einem anderen Blatt. Anscheinend ist es das Schicksal der Veilchen, zwar eine romantische Stimmung zu erzeugen, aber nicht für dauerhaftes Glück zu garantieren. Napoleon liebte Veilchen ebenfalls und umwarb damit seine angebetete Joséphine; auch dieses Eheglück war bekanntlich von eher kurzer, wenn auch ausgesprochen leidenschaftlicher Dauer. Meine eigene Tante hatte sogar Veilchen im Brautstrauß. Diese waren in kleine runde Sträußchen gebunden und lang angedrahtet, so dass sie auf gleicher Höhe wie die dazu ausgesuchten rosa Nelken standen. Der Strauß sah totschick aus, aber über den Verlauf dieser Ehe schweigt des Sängers Höflichkeit besser.

Nun hoffe ich, dass niemand mutlos geworden ist, bei dem/der die Veilchen am romantischen Anfang einer Liebesbeziehung standen. Es soll ja auch Fälle geben, die gut gegangen sind …

Gärtnerische Liebschaften zu Veilchen sind mit Sicherheit von Dauer – vorausgesetzt, Sie finden einen halb- bis vollschattigen Standort für die Pflanzen, dessen Boden nicht austrocknet. Andernfalls gilben die Blätter vor sich hin und bekommen mit absoluter Sicherheit Spinnmilben, selbst wenn sie irgendwie frisch aussehen. Die Pflanzen wachsen dann deutlich schwächer. Doch das ist auch so ziemlich das einzige Schreckensszenario, dass sich vorstellen lässt. Meist verbreiten sich die Pflanzen sehr willig durch kurze Ausläufer und nehmen langsam aber stetig ansehnliche Flächen ein. Ameisen tragen die sich reichlich bildenden Samen im Garten umher und man findet überall Pflanzen, die einem nur selten lästig werden.

Veilchensorten gibt es mehr als man meinen möchte. Vom Duftveilchen Viola odorata sind als abweichend farbene Selektionen etwa das zartgelbe 'Sulphurea', das weiße 'Alba' oder das rosarote 'Coeur d’Alsace' bekannter geworden; allerdings duften sie nicht ganz so stark, wie die Ausgangsform. Am berühmtesten ist (zu Recht) die 'Königin Charlotte' im typischen indigo-, pardon, veilchenblau. Sie wuchs auch schon in meinem elterlichen Garten und brachte seit ich denken kann den Frühling in den Garten. Aber so eine reine Frühlingsblume ist sie denn doch nicht, denn ich staunte nicht schlecht, als ich sie eines schönen Spätsommertages neben den Chrysanthemen blühen sah (einige von unserer rosa Standardsorte, die wir exzessiv vermehrt hatten, standen im Halbschatten). Veilchenduft im September – etwas schräg, diese Vorstellung, aber nicht schlecht. Zuerst dachte ich, es reagiert auf Wetterkapriolen, doch die Herbstblüte stellte sich auch in den folgenden, klimatisch recht unterschiedlich verlaufenden Jahren in zuverlässiger Regelmäßigkeit ein.

Eines schönen Tages legte mir Dieter Gaißmayer die etwas großblumigere, aber ebenfalls dunkel violette Sorte 'Donau' in meinen Staudensammelkorb, und ich muss sagen, dass auch diese Sorte unbedingt das Zeug zum Veilchenstar hat. Die Blüte ist nicht nur überreich, groß und sehr klar geformt, sondern duftet auch noch stark und süß. Eine ideale Sorte für alle Desserts und Gerichte, die sich mit Veilchen zubereiten lassen. Allerdings muss ich zu meiner Schande gestehen, dass mir die Pinselei mit Zucker und Eischaum und das anschließende stundenlange Dörren dieser Süßigkeiten im Ofen etwas nervig wurde. Ich habe wohl nicht die Geduld, ein Blumen-Patissier zu werden …

Letzten Herbst stromerte ich wieder einmal durch die Illertisser Gärtnerei und konnte einfach nicht widerstehen – ich nahm mir acht bereits blühende Pflanzen von 'Königin Charlotte' mit, denn sie waren wie geschaffen für meinen Balkon. Ich verbrämte die Gefäße, die ich bereits mit Rosen und Zwiebelblumen bestückt hatte, mit ihnen. Der Winter dieses Jahr war bekanntlich bitterkalt und mich beschlich ein schlechtes Gewissen, die Pflänzchen dieser Tortur im Kasten ausgesetzt zu haben. Noch immer will ich nicht behaupten, dass es zur Nachahmung empfohlen ist, doch was soll ich sagen: Die Veilchen grünen und blühen bereits ab Mitte Februar, wenn auch mit Unterbrechung durch Väterchen Frost. Der Veilchenduft liegt wie das berühmte blaue Band wieder einmal in der Luft und so können sich die Zwergiris 'Katherine Hodgkins', die kleinwüchsigen Tulpen Tulipa schrenkii, und die Multiflora-Hyazinthen und das eine oder andere Zwiebelchen noch Zeit bis zur Blüte lassen.

Der Anfang des Blumenjahres ist nun auch auf dem Balkon gemacht – genau, wie so oft im Garten – mit Veilchen. Glücklicherweise! Denn ein Frühling ohne Veilchenduft, das ist wie ein Frühling ohne Vogelgesang!


Text und Fotos: Andreas Barlage