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Düfte aus dem Himalaya

Es muss im Herbst 2002 gewesen sein. "Probiere doch mal diese Lilie aus", sagte Dieter Gaißmayer, "es handelt sich um Cardiocrinum giganteum". Die Zwiebel war 2 Männerfäuste groß. Solch eine Kostbarkeit setzt man nicht ins Freie, auch wenn die Herkunft Himalaya nach Kälte klingt. Aber auch Sibirien wird immer mit Kälte in Verbindung gebracht, trotz seiner sehr heißen Steppenlandschaften. Die Zwiebel kam ins Kalthaus (gerade frostfrei). Im Frühjahr 2003 bildete sich zunächst eine Blattrosette mit länglich herzförmigen Blättern und aus der schoss Ende April ein gewaltiger Stamm in die Höhe.

Ich komme heuer, 2011, auf diese "Riesenlilie" zu sprechen, weil sie gerade wieder einmal blüht. Wobei dieser Satz genau genommen falsch ist. Cardiocrinum giganteum blüht nämlich nur einmal in ihrem Leben, bildet nach der Blüte viele Samen und stirbt danach ab. So etwas kommt bei den Lilienverwandten gelegentlich vor. So brauchen die Agaven z.B. bis zu 12 Jahre, um dann endlich einen mächtigen manchmal 6 m hohen Blütenstamm zu bilden. Danach stirbt die Agave. Nun könnte man Agaven wie Cardiocrinum aus Samen nachziehen. Aber bei Cardiocrinum dauert es etwa 7 Jahre, bis wieder eine blühfähige Pflanze entstanden ist. Zum Glück jedoch bilden sich neben der blühenden Zwiebel Tochterzwiebeln. Und die brauchen nur etwa 3 Jahre bis zur Blüte. Von der dicken Zwiebel von Dieter Gaissmayer gibt es jetzt die dritte Generation, d.h. wir erleben hier in Jamlitz zum dritten Mal eine Blüte.

Die Seltenheit, solch eine Blüte zu erleben, die Schönheit dieser "Riesenlilie", vor allem aber auch ihr Duft wären Anlass, ein großes Abendfest zu feiern. Der Duft nimmt abends zu, ist von großer Süße und Schwere, und, was bei den Lilienverwandten ungewöhnlich, der Duft erinnert an Nelke, mehr übrigens an die Gewürznelke als an Gartennelken.

In milden und schneereichen Gebieten Deutschlands könnte die Riesenlilie durchaus im Freien wachsen und gedeihen. In Jamlitz wäre sie bei aller Fürsorge allein in diesem Frühjahr schon 2 Frosttode gestorben. Ende Februar erfror sogar das heimische Heidekraut, Anfang Mai erfroren Blatt und Blüte der Robinien!
Wer Cardiocrinum pflanzen will, braucht einen durchlässigen, humosen und kalkfreien Boden. Der Standort sei halbschattig. Gut ist Lauberde, durchsetzt mit etwas verrottetem Mist.  Wo empfindlichere Rhododendren und Camelien im Freien gut gedeihen, da hätte auch Cardiocrinum einen angemessenen Standort.

Es wäre schön, vom Naturstandort der Riesenlilie etwas zu erfahren. Ich stelle mir einen im Winter schneereichen und im Sommer regenreichen lichten Wald vor, mit großen Nachtschwärmern, passend zu den großen Blüten.


Text und Fotos: Christian Seiffert