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Die Zwiebeln und Knollen leben weiter

Es war ein altes, wenn auch nicht sehr schönes Haus, und im Garten drum herum taten die Bewohner gerade mal das Nötigste. Doch darin standen ein paar stattliche hohe Bäume, darunter eine riesige Buche mit einem dicken Stamm. Diese Bäume gaben dem Garten und dem Haus eine besondere, heimelige Atmosphäre. Doch im zeitigen Frühjahr zog der Garten alle Blicke auf sich. Überall blühten Schneeglöckchen, Krokusse und Winterlinge auf. Die ersten Bienen tummelten sich in den pollenschweren Blüten.

Dieses Haus wurde in den vergangenen Jahren nur noch von einer allein stehenden Frau bewohnt. Sie war etwa Anfang 50, als sie plötzlich starb. Danach wurde das Grundstück verkauft und das Haus abgerissen. Mit einem Nachbarn versuchte ich noch die Bäume vor dem Fällen zu retten, doch wir kamen zu spät. Selbst der Umweltreferent der Gemeinde war machtlos. "Baurecht geht vor Baumschutz" wurde meinem Nachbarn von einem Kommunalpolitiker beschieden.

So machten sich einige Nachbarn, bevor die Abbruchmaschinen kamen, in dem Garten ans Werk, um wenigstens von den Zwiebelblumen zu retten, was zu retten war. Meine Frau und ich, wir ergatterten eine Menge Schneeglöckchen und Krokusse, die wir während der Blüte ausgruben. Einen Teil davon pflanzte meine Frau in ein paar Schalen und Körbe, wo die Frühlingsboten nahtlos weiterblühten. Die anderen nahm ich mit in meinen Kreativgarten, wo ich sie an den Rand von Gehölzen pflanzte. Ich riss die Tuffs der Schneeglöckchen und Krokusse vorsichtig auseinander, bis ich viele kleine Tuffs hatte. So konnte ich eine recht große Fläche damit bepflanzen. Inzwischen sind die Schneeglöckchen in den Schalen verblüht. Ich werde sie ebenfalls an einen guten, halbschattigen Platz ein den Garten pflanzen, wo die Zwiebeln und Knollen im Sommer an schattiger Stelle in der Erde ruhen und im zeitigen Frühjahr in der Sonne erblühen.

Ich habe mir den Bauplan zeigen lassen. Anstelle des alten Hauses sollen nun auf dem Grundstück zwei große, luxuriöse Einfamilienhäuser mit zwei Doppelgaragen und einer breit gepflasterten Einfahrt entstehen. Mein Wohnort ist eine reiche Gemeinde, und bei den hohen Grundstückspreisen werden die Grundstücke dicht bebaut, so dicht es irgend geht. Gärten, in denen noch etwas wachsen und sich ausbreiten kann, haben da kaum noch Platz.

Aber mal sehen, wer dort in die neuen Häuser einzieht. Vielleicht haben die Leute ja einen Sinn dafür, wenn ich ihnen die eine oder andere Handvoll Schneeglöckchenzwiebeln oder Krokusknollen zurückbringe, die sie dann auf die letzten verbliebenen Quadratzentimeter pflanzen können. Und wenn nicht: Die Zwiebeln und Knollen leben bei mir weiter, so oder so! Ich werde sie immer wieder einmal teilen und vermehren …

Mehr über den Kreativgarten von Wolfram Franke unter www.gartenschreiber.de


Text und Fotos: Wolfram Franke