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Die Tulpen können nichts dafür…

… nein, da müssen wir uns schon an die eigene Nase fassen, wir Menschen. Den Tulpen eilt, wie keinem anderen Frühlingsblüher, der Ruf der Unzuverlässigkeit voraus. Prall, seidenglatt und verheißungsvoll liegen die Zwiebeln im Herbst in unseren Händen. Geradezu spüren kann man ihre gespeicherte Energie und Vitalität. Was sind das doch für Wunderwesen, diese Zwiebelgewächse, denen es gelingt, alle Informationen, alle Kraft wohlgeordnet und einsatzbereit in sich zu tragen, um nach dem Winterschlaf in atemberaubend kurzer Zeit ihre vielgestaltige Schönheit nur noch zu entfalten – wie sehr warten wir jedes Jahr auf diesen Frühlingsblumentrubel, und besonders natürlich auf die prachtvollen neuen Tulpen in diesem Reigen.

Die Betonung liegt allerdings auf dem Wörtchen "neu", leider, denn nicht selten enttäuschen sie uns schon im Folgejahr, zeigen gerade mal ein wenig Grün, oder es schieben sich nun deutlich kleinere, ihrer Vitalität beraubte Kerlchen aus der Erde. Wie das? Man fühlt sich betrogen. Der spektakuläre Auftritt vieler hochgezüchteter Hybridsorten ist aber nun mal nur um den Preis ihrer kurzen Lebensdauer zu haben. Wollen wir deshalb auf sie verzichten? Eine betrügerische "holländische Tulpenmafia", die uns weismachen will, dass ihren Züchtungen ewiges Leben innewohnt, ist jedenfalls ein gern bemühtes Ammenmärchen. Der Markt bekommt, was er verlangt. So einfach ist das. Tulpenanbau ist ein knochenhartes, mühsames Geschäft, und die immer zahlreicher werdende weltweite Konkurrenz – auch in diesem Wirtschaftszweig entwickelt sich übrigens China rasant – macht den meist schon seit Generationen bestehenden holländischen Tulpenbauer-Familien den Broterwerb und die Entscheidung über die Weichenstellung ihrer züchterischen Ziele nicht leichter.

Wer weiß schon, dass es ganze sieben Jahre dauert, bis ein Sämling genug Kraft in seinen Speicherorganen gesammelt hat, um eine erste Blüte zu riskieren? Nicht weniger als 25 Jahre braucht es – wenn wirklich alles gut geht – bis eine neue Sorte eingeführt werden kann. Ihr Erfolg ist damit noch lange nicht garantiert, mit viel Glück hat sich der Zeitgeschmack bis dahin nicht gewandelt.

Die gute Nachricht ist, dass es auch heute noch durchaus langlebige, gesunde Arten und Sorten gibt, die uns nicht zwingen, jedes Jahr "nachzulegen", was nebenbei gesagt in großen Gärten wie dem unseren ganz ordentliche Löcher ins Portemonnaie reißen würde. Viele bewährte Darwin-Hybrid-, Fosteriana-, Greigii-, Viridiflora- (die  grüne Zeichnung auf den Blütenblättern gibt ihnen den Namen) oder die eleganten lilienblütigen Sorten sind hier zu nennen.

Viele der zierlichen, sich oft vermehrenden verschiedenen Wildtulpen und ihre züchterisch nur wenig bearbeiteten Sorten – einer meiner Lieblinge ist die allerliebste Tulipa humilis 'Persian Perl' – enttäuschen uns viel seltener. Aber auch für sie gilt: Letztendlich entscheidet die Eignung des Standorts, ob sie ihrem guten Ruf gerecht werden können. Sind Pflanztiefe und Nährstoffangebot richtig bemessen, ist der Boden durchlässig genug? Wird im Sommer gar häufig gewässert? Die übrigen Beetbewohner mag’s freuen, Tulpen reagieren darauf ganz und gar nicht "amused".

Erstaunlich wacker hält sich in unserem Garten die eher selten gepflanzte halbhohe Tulipa whittallii mit ihren wunderschön gezeichneten kupferfarbenen Blüten. Sie steht hier seit Jahren, obwohl eher für trockene Lagen und Steingärten empfohlen, in einem Beet mit nährstoffreicher Erde und wurde dort bisher sogar von den immer wieder übel wütenden Mitgliedern einer gefräßigen Schermaus-Mafia verschmäht.

Auch die stolzen lilienblütigen Schönheiten 'White Triumphator' und die tiefpupurne 'Burgundy' sind erstaunlich treu, und ihre glühend orange blühende Schwester 'Ballerina' hätte sicher auch dieses Jahr wieder zusammen mit den nicht weniger leuchtenden Azaleen ihr Bestes gegeben, wenn, ja wenn nicht Mutter Hase wäre, die seit Jahren vom zeitigen Frühjahr bis in den Herbst hinein Monat für Monat ihre Kinder bei uns zur Welt bringt. Nach der nur zweimal am Tag stattfindenden, ganze zwei Wochen währenden Versorgung ihrer Neugeborenen in den wechselnden, mal mehr, mal weniger getarnten Sassen stärkt sie sich gern ein wenig mit der einen oder anderen Pflanzenleckerei aus unserem Garten, was wir ihr, wenn auch nicht ohne Seufzen, gönnen wollen – aber dieses Jahr hat sie zu unserem Leidwesen Tulpenlaub zur Delikatesse erklärt, und das sieht dann so aus:

Da bleibt nur, geduldig zu warten, bis die benachbarten Storchschnäbel die traurigen Reste gnädig überwachsen haben. Womit wir beim nächsten Thema wären, denn über "Storch- und andere Schnäbel" will ich Ihnen bald so einiges berichten.

Für heute macht die Gärtnerin Feierabend – bis zum nächsten Mal!


Text und Fotos: Angelika Traub