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Die sekundären Segnungen der Sonntagsruhe

Im Magazin einer Staudengärtnerei dem Rasen einen Aufsatz zu widmen, kann man als ignorant bezeichnen. Aber am vergangenen Sonntag habe ich eine interessante Entdeckung gemacht auf dieser monochromen Fläche – und wer hat schon keinen Rasen? Die Geschichte begann am Tag zuvor. Es war ein Uhr, unser Gartennachbar Robert warf seinen Benzinrasenmäher an und begann, den Hauptweg zu mähen. Unser irischer Freund ist nur am Wochenende in Münster und schafft in der kurzen Zeit ordentlich was weg. Der Elektromäher des Vereins ist ihm zu lahm. Und Robert ist zuständig für den Hauptweg. In seiner ihm stets anhaftenden Fröhlichkeit marschierte er hinter seinem lärmenden Rasenmäher her, doch dann kam der Vereinsvorsitzende: Ich! Eine Woche zuvor war Mitgliederversammlung gewesen, auf der ich vor versammelter Mannschaft wieder mal auf die Einhaltung der Mittagsruhe an Samstagen und das Verbot irgendeiner Lärmquelle an Sonntagen hinweisen musste. Mit all meinem Charme konnte ich Robert überzeugen, dem Deutschen Kleingartengesetz Genüge zu tun und den Mäher bis 15 Uhr schweigen zu lassen. „Gesetz…, Ihr Deutschen…“, meinte er mit einem Lächeln und radelte zum Mittagessen.

Den ganzen Sonntag verbrachten meine bessere Hälfte und ich im Garten, wir waren allein in der Anlage, obwohl die Sonne schien. Es herrschte eine Ruhe, wie es sich die Verfasser des Kleingartengesetzes vorgestellt hatten. Am späten Nachmittag, als die Sonne der Länge nach über den Rasen strich, saßen wir beim Kuchen, und die partiell hohen Grashalme waren nicht zu übersehen, nicht länger zu überschweigen. „Ich glaube, am Freitagnachmittag mähe ich Rasen!“, bemerkte die Frau des Vereinsvorsitzenden, setzte dann allerdings hinzu: „Vorher hab‘ ich keine Zeit.“ „O.K., ich mach ja schon,“ entgegnete ich schokokuchenkauend, erhob mich und setzte mich in Bewegung, um den Vereinsrasenmäher zu holen. „Rasenmähen, mit dem elektrischen? Sonntags…, Du, als Vorsitzender? Nix da, setz Dich wieder hin.“ Es verging ein Weilchen, bis sie anfügte: „Handmäher, das würde gehen.“ Und dann kam wieder ein Satz, dessen Wirkung sie ahnte: „Aber durch das Gras da, da kommst Du mit dem Handmäher ja wohl nicht durch.“ Fünf Minuten später war die Spindel des Mähers mit Kriechöl gängig gemacht.

So schob ich mich, begleitet von einem idyllischen „Rengreng“, durch die Halme, und weil da nicht nur Halme waren, erkannte ich das Fabelhafte an der Idee, am heiligen Sonntag zu mähen. Die Frau des Mähers hatte im Herbst nämlich Muscari- und Camassia-Zwiebeln im Rasen versenkt und um diese noch teilweise in Blüte stehenden Inseln musste ich herumkurven. Da die Linienführung des Handmähers aber nicht so exakt ist wie die des elektrischen, ging ich mit mehr Abstand zu Werke, um am Ende, „schnippschnipp“ mit einer Rasenkantenschere nachzuarbeiten. Damit sich die blühenden Camassien in ihrer ganzen Schönheit präsentieren konnten, nahm ich mir vor, sie von jedem, ja jedem Grashalm freizuschneiden. Dazu ging ich auf die Knie. Noch nie war ich beim Rasenmähen der Grasnarbe so nah gewesen, und genau das führte zu der im ersten Satz angedeuteten Entdeckung. Da wuchs außer Camassia und Muscari noch etwas anderes im Rasen, was höher hinauf wollte: Agrostemma githago hatte sich an zwei Stellen ausgesät, die Ackerkrone oder Kornrade. Sie war nur zwei Handbreit hoch, deutlich kleiner als ihre Schwestern in den gedüngten Staudenbeeten, zeigte aber den festen Willen, sich auch an diesem mageren Standort einzurichten.

Vor unserer Kuchenpause hatten wir einer jungen Kohlmeise, die aus einem Nistkasten gefallen und in einen Wasserkübel geplumpst war, das Leben gerettet. Als die Sonne das auf einer Pappe hockende Vögelchen getrocknet und gewärmt hatte, hüpfte es nach der Pause in einen Strauch, wo es die Eltern fütterten. Meine bessere Hälfte war vor lauter Rührung kaum mehr zu halten. Als ich sie dann, vor Agrostemma liegend, heranflötete, dachte sie schon, ich wolle ihr ein anderes Tier zeigen. „Guck mal“, sagte ich. „Kornrade im Rasen.“ „Toll“, schwärmte sie, „bloß stehenlassen!“ „Mit dem Elektromäher wäre ich bestimmt drüber gesemmelt. Wie gut, dass ich das Handding genommen habe“. Die Dame lächelte, ging und drehte sich nochmal um. „Wie gut, dass ich so einen starken Mann habe.“

Die Sonne verschwand hinter den Bäumen, der Tag neigte sich dem Ende, mit einem bärenstarken Kompliment meiner Frau, es war ein großartiger Tag. Dem Meisenkind, der demnächst blühenden Kornrade, dem Handrasenmäher, dem Kleingartengesetz – dem Garten sei Dank!


Text und Fotos: Stefan Leppert