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Die Scilla siberica

Als mein Vater in den frühen 40er Jahren des 20. Jahrhunderts Scilla-Zwiebeln in den jamlitzer Garten setzte, hat er kaum ahnen können, wie ausbreitungsfreudig sich diese erste Pflanzung verhalten würde. Selbst nach dem Krieg tauchte die Scilla nur hier und da einmal auf. Inzwischen gibt sie jedes Jahr vor dem Hause den Ton an, auf jener Fläche, die im Sommer vom Laub der Walnussbäume beschattet wird und aus der die übermannshohen Knöterichstiele (Fallopia sachalinensis) im Mai hervorschießen. Doch nicht nur dort tritt Scilla siberica, das Blausternchen, in Massen auf. Auch an den Hängen der Schlucht bei relativ wenig Licht ist sie zu finden und inzwischen in Waldstücken der Nachbarschaft.

Für eine Reihe von Klein-Geophyten scheint der jamlitzer Sand das ideale Quartier zu sein. So taucht zur selben Zeit wie die Scilla ein Gelbstern auf, wahrscheinlich Gagea villosa, der Ackergelbstern, dessen Lieblingsstandorte sommerwarme Sandäcker im norddeutschen Flachland sind. Wie um den Farbdreiklang zu komplettieren, taucht, allerdings erst im Mai blühend, der Milchstern auf. Ornitogalum umbellatum, den die jamlitzer “Russische Schneeglöckchen” nennen. Wie der Gelbstern so hat auch der Milchstern die Tendenz, wirklich überall zu erscheinen, was gelegentlich lästig werden kann.

Aber zurück zur Scilla. Scilla siberica vermehrt sich in Jamlitz vegetativ und vor allem aber durch Samen. Einige Auslesen, die im Handel sind, haben die Fähigkeit Samen zu bilden, dagegen ganz oder teilweise eingebüßt. Das hat Vor- und Nachteile. Wer die Blausternchen begrenzt z. B. im Steingarten wünscht, ist mit diesen Auslesen gut bedient.

Ein wenig Herkunfts- und Namenkunde: Die Gattung Scilla zählt heute, nachdem man die Familie der Liliengewächse auseinander dividiert hat, zu der Familie der Hyacinthaceen, zusammen mit Traubenhyazinthen, Puschkinien, Chionodoxa und natürlich Hyazinthen, um nur ein paar zu nennen. Auch wenn sie sich bei uns wie “zu Haus” fühlt und verhält, kommt Scilla siberica ursprünglich nicht aus Sibirien, wie der Name vermuten lässt, sondern aus Südrussland, der Türkei und dem Norden Irans.
Mit dem Name Scilla, auch Squilla, bezeichneten die Griechen und Römer die Meerzwiebel, die heute botanisch Urginea maritima genannt wird. Auch sie gehört zu den Hyacinthaceen. Aus einer kindskopfgroßen Zwiebel, die Hitze und Trockenheit gut besteht, treibt sie nach dem ersten Herbstregen bis zu 1 m hohe Blütenschäfte, die an Eremurus erinnern.

Während die Meerzwiebel die volle Sonne an der Mittelmeerküste schätzt, nutzt “unsere” Scilla für ihre kurze Vegetationszeit das Frühjahr unter den noch laublosen Gehölzen. Der Austrieb beginnt, zumindest in Jamlitz, Mitte März. Sie blüht Anfang April und etwa Ende Mai, Anfang Juni ziehen die Blätter ein. Natürlich sind dies nur Mittelwerte. In diesem Jahr wird sich auch die Scillablüte verschieben, selbst wenn damit zu rechnen ist, dass nach dem Winterende der Frühling kurz und heftig verlaufen wird.

Das wirklich Bemerkenswerte dieser kleinen zarten Zwiebelpflanze ist ihre Fähigkeit, in wenigen Tagen große Flächen mit einem kräftiges Himmelblau “anzustreichen”. Dabei lohnt es sich aber durchaus, auf die Knie zu gehen und das Einzelwesen genauer zu betrachten, zumal dann bei günstiger Tageszeit sogar ein leichter blumig-würziger Duft wahrzunehmen ist.

Anmerkung der Gärtnerei Gaißmayer: Scilla sollten im Herbst gepflanzt werden und sind ab Frühherbst bei uns als Zwiebeln erhältlich.


Text und Fotos: Christian Seiffert