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Die Rückkehr des Frühlings

Vor zwei Wochen lag noch Schnee, selbst die Alster in Hamburg war zugefroren, und viele Tausende spazierten über die spiegelglatte Fläche. Dann ging es hier in Norddeutschland sehr schnell – tagsüber Tauwetter, und bald auch nachts ein oder zwei Plusgrade. In der letzten Woche brachten die Tiefdruckgebiete Wind und Regen, und jetzt sind die Tagestemperaturen schon über zehn Grad gestiegen. Heute habe ich in der schon wärmenden Sonne zum ersten Mal wieder auf der Bank am Haus gesessen.

Der Boden war tief gefroren, nun dürfte er ganz und gar aufgetaut sein. Und schon haben die Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) nicht nur ausgetrieben, sondern blühen bereits. Die übrigen Frühlingszwiebelgewächse ziehen nach, in den nächsten Tagen werden die Wildkrokusse offen sein, danach bald die Wildtulpen. Die Christrosen haben ihre Blüten aus dem Laub gehoben, nicht nur die übliche weiß blühende (Helleborus niger), sondern viel auffälliger die Palmblättrige Christrose (Helleborus foetidus) mit ihren Blütenbüscheln – vor einem Jahr habe ich ausführlich darüber geschrieben.

Jetzt fange ich an, im Kräutergarten die verdorrten Stängel und Blütenstände zurück zu schneiden. Bevor 'aufgeräumt' ist und die neuen Triebe aus dem Boden drängen, bin ich noch einmal durch den Garten gegangen und habe die apartesten Trockenschönheiten fotografiert. Den ganzen Winter über boten sie mir immer wieder, nicht nur bei Raureif oder mit feinen Schneehauben, reizvolle Bilder im ansonsten schlafenden Gartenreich.

Die filigransten Kunstwerke sind ohne Zweifel die Samenstände der Weberkarde (Dipsacus sativus) – die zweijährige Pflanze ist seit einiger Zeit im Gespräch, weil ihre Wurzel gegen Borreliose helfen soll. Nicht weniger auffällig wirkt der vertrocknete Blütenkopf der Wilden Artischocke (Cynara cardunculus) mit den dachziegelartig angeordneten Hüllblättern. Artischocken sind nicht völlig winterhart, und weil ich ihnen in diesem Winter keinen Schutz aus Laubpackung und Vlies gegeben habe, werde ich wohl neu pflanzen müssen. Nicht nur die großen, graugrünen und tief eingeschnittenen Blätter geben im Sommer einen Blickfang ab, sondern vor allem der blaue bis blauviolette Blütenschopf. Die Gemüseartischocke (Cynara scolymus) wird allerdings geerntet, bevor sie aufgeblüht ist.

Unter den vielen trockenen Schmuckstücken, die jetzt der Schere zum Opfer fallen, heben sich die Blütenstände einer großblumigen Fetthenne (Sedum Telephium-Hybride 'Herbstfreude') besonders heraus, aber auch die geöffneten Samenkapseln der wilden Nachtkerze (Oenothera biennis) oder die raschelnden Stängel der hohen Katzenminze (Nepeta sibirica 'Souvenir d' André Chaudron') sind fast zu hübsch, um sie auf den Kompost zu werfen.


Text und Fotos: Ludwig Fischer