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Die Pflanze mit den 500 Namen

Heutzutage muss man suchen, um noch eine Stelle mit Herbstzeitlosen zu finden. Eine feuchte Wiese mögen sie, eine Wiese, die nicht intensiv genutzt wird und die auch nur wenig Dünger erhält. Das sind nur noch kleine Ecken, die die Bewirtschaftung nicht lohnen, dennoch aber einmal im Spätsommer geschnitten werden. Bei Eresing gibt es ein solch kleines Geviert. Nach langer Trockenheit ist der Boden dort immer noch so feucht, dass man beim Fotografieren nasse Knie bekommt.

Ihre Blüte beginnt in Oberbayern und Schwaben gewöhnlich um Anfang September. Ein Ereignis, das mit der Reife der Hollerbeeren zusammenfällt. Die Phänologen bezeichnen diese Phase als Beginn des Frühherbstes. Damit ist die Herbstzeitlose die erste unter den herbstblühenden Geophyten. Die Herbstkrokusse folgen im Oktober und November.

In vergangenen Zeiten muss die Herbstzeitlose im süd- und südwestdeutschen Raum aber auch in Österreich und Böhmen sehr häufig vorgekommen sein. Ein Beleg dafür sind die sage und schreibe 500 volkstümlichen Namen, die Marzell im „Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen“ aufführt. Keine andere Pflanze hat derartig viele Bezeichnungen erhalten. Anlass gab die Herbstzeitlose durch ihre vielen Besonderheiten. Sie sieht aus wie ein Frühlingsblüher, blüht aber im Herbst, gewissermaßen nackt, ohne Blätter. Die erscheinen erst im Frühsommer zusammen mit den Fruchtkapseln. Sie ist äußerst giftig für das Vieh und die Menschen. Und die unzähligen Namen sind auch dadurch entstanden, dass die blühende Pflanze oft anders benannt wird, als die Sommerpflanze mit Blatt und Frucht.

Colchicum, die botanische Bezeichnung der ganzen Gattung ist uralt, kommt aus dem Griechischen und leitet sich ab von der Landschaft Kolchis am Schwarzen Meer. Autumnale ist lateinisch und bedeutet herbstblühend. Der Name Herbstzeitlose hat vermutlich nichts mit zeitlos zu tun, weil sie außerhalb der Zeit blüht, vielmehr lost die Herbstzeitlose die Herbstzeit, das heißt, sie sagt die Herbstzeit voraus.

Und das sind andere Namen im deutschsprachigen Raum, die auf die Blütenzeit Bezug nehmen oder mit Zeitlos verwandt sind: Zitlosebluem im Elsass, Seilose in Donauwörth, Obdachlose (!) im Dillkreis. Herbstvergassene Blum in Ungarn, Galleblueme in der Schweiz, hat mit St. Gallus zu tun. Sohn vor dem Vater, weil die Blüte vor den Blättern kommt stammt aus der Pfalz.

Dass die Blüte nackend dasteht, fand auch in einigen Namen seinen Niederschlag: Nakende Jungfer, Nackate Kathl sind Namen aus Pommern und Tirol.

Nun aber Namen, die mit der hohen Giftigkeit der Herbstzeitlose zu tun haben: Jöftplanz sagte man in der Eifel und Giftige Zwiwwel in der Pfalz. Beide Namen noch relativ harmlos. Leichenblum aber wurde sie in Nordböhmen genannt und Hexenschlote in Nordhessen. Eindeutig die Aussage Kuahgift aus Dietramszell in Oberbayern.

Soweit diese wenigen Beispiele. Diese Namen, die mit ungeheurem Fleiß zusammengetragen wurden, viele stammen aus alten Schriften, sind in manchen ländlichen Regionen vielleicht noch vorhanden. Die meisten Namen aber dürften durch die in Literatur und Medien verbreitete Hochsprache verloren gegangen sein.

Noch ein paar Anmerkungen zu Heinrich Marzell. 1885 in München geboren studierte er nach dem Abitur Botanik, Chemie und Germanistik. Eine übliche Fächerkombination, um Lehrer zu werden. Das war er auch eine Zeit lang an einer Realschule in Gunzenhausen. Dann aber wurde er Mitarbeiter von Gustav Hegi, der das große Werk über die Flora Deutschlands verfasste. Marzell befasste sich dabei mit den deutschen Pflanzennamen. Das war wohl der Anfang seiner fünfbändigen Hauptwerkes, dem Wörterbuch der Deutschen Pflanzennamen. Der erste Band erschien 1943 in Leipzig. Marzell starb 1970 in Erlangen.


Text und Fotos: Christian Seiffert