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Die Lippische Palme

Im Frühjahr des vorigen Jahres hielt ich einen Vortrag vor einer Gruppe des BUND in Detmold. Anschließend drückte mir einer der Veranstalter einen Umschlag in die Hand, darauf stand: „Lippische Palme“. Dabei handelt es sich, so erfuhr ich, um einen besonders kräftig und hoch wachsenden Grünkohl. Man nennt ihn auch „Ziegenkohl“. Die unteren Blätter dieses bis zu einem Meter hoch wachsenden Kohls sind ziemlich hart und eignen sich kaum für menschliche Mahlzeiten. Die Blätter am Schopf sind dagegen recht zart und lassen sich wie jeder andere Grünkohl zubereiten.

Im April des vorigen Jahres säte ich einige Samen der „Lippischen Palme“ aus. Leider musste ich zunächst die traurige Erfahrung machen, dass die aufgelaufenen Sämlinge den Schnecken hervorragend mundeten. Beim zweiten Versuch hatte ich ein paar Jungpflanzen gewonnen. Die pflanzte ich ins Gemüsebeet, gab ihnen eine Prise Hornspäne ins Pflanzloch und umgab die jungen Pflänzchen sogleich mit einer Schneckenbarriere auch Holz, deren Außenseite ich mit dem Mittel „Schnexagon“ angestrichen hatte. Dieser Anstrich ist so glatt, dass die Schnecken daran abrutschen, wenn sie das Hindernis überwinden wollen. So blieben meine „Lippischen Palmen“ unversehrt. Sobald sie zu wachsen begannen, gab ich ihnen wöchentlich einen Schuss 1:10 mit Wasser verdünnte Brennnesseljauche. Sie wuchsen schnell bis zu einem Meter heran und brachten krause, ins Grünblaue und an den Stielen ins Violett übergehende Blätter hervor. Ein, zwei Mal musste ich Neem gegen die Kohlmottenschildlaus, landläufig auch „Weiße Fliege“ genannt, spritzen. Dieses Mittel stammt vom tropischen Neembaum und ist unbedenklich. Es baut sich in wenigen Tagen ab.
Meine „Palmen“ hatten sich zu stattlichen Exemplaren und einer Zierde im Garten entwickelt. Die unteren Blätter brauchte ich nicht mehr dem Bauern für seine Ziegen zu bringen, sie fielen von selber ab. Aber die oberen Teile lieferten uns nach den ersten Frösten im Winter einige herzhafte Mahlzeiten. Die Blätter sind zart im Biss und schmecken hervorragend.
Man kann sich darüber streiten, ob es besser ist, den restlichen Schopf ganz abzuschneiden, um einen zweiten Austrieb aus den Narben der abgeernteten Blätter anzuregen oder zu warten, dass die restlichen kleinen Blätter am Schopf noch ein bisschen größer werden. Ich habe in früheren Jahren beides am Grünkohl ausprobiert. Es macht keinen Unterschied. Auch wenn der Schopf noch stehenbleibt, treibt der Grünkohl an den Blattnarben noch kleine Blätter. Die reichen dann immer noch für eine kleine Beilage zur Mahlzeit.
Bekanntlich schmeckt Grünkohl am besten, wenn er oder sie (die "Palme") etwas Frost bekommen haben. Bei Frost und starker Besonnung leiden allerdings die Blätter. Sie werden braun. Leider habe ich versäumt, sie mit einem Vlies zu schattieren. Dann hätte ich noch etwas mehr davon ernten könnten. Doch ich lasse den Strunk noch stehen, bis er blüht und Samen bildet. So kann ich die „Lippische Palme“ vermehren, denn sie ist eine samenfeste Sorte.


Text und Fotos: Wolfram Franke