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Die Himmelstränen der kleinen Alchemistin

In diesen Tagen webt der Frauenmantel (Alchemilla mollis) seine duftigen gelb-grünen Blüten ins Konzert des Blumenbeets. In zarten Versen hat der Dichter Johannes Trojan dieser wunderbaren Staude seine Reverenz erwiesen:

»Das Kräutlein treibt ein rundes Blatt
Wie keines ringsherum es hat.
Mit zierlich eingekerbtem Rand
Ist für den Tau es angespannt,
recht als ein Schälchen hingestellt,
in welches Perl’ auf Perle fällt.
So hebt es auf des Himmels Tau,
der niedersinkt auf Flur und Au’,
Manch Elflein gegen Morgen kommt,
das dürstet, dem zu trinken frommt,
Schöpft aus dem Schüsselchen und spricht:
Ein bessres Labsal gibt es nicht.«

Kann man die Besonderheiten des Frauenmantels besser in Worte fassen? Gerade am frühen Morgen lässt sich beobachten, wie sich am Grunde des hübsch gefältelten Blattes Wassertropfen sammeln, die wie Juwelen im ersten Tageslicht funkeln. Rein praktisch handelt es sich dabei aber natürlich nicht um Edelsteine, sondern um so genannte Guttationstropfen, die von der Pflanze bei hoher Luftfeuchtigkeit abgesondert werden.

»Himmlischen Tau« oder »Himmelträne« nannten die Menschen des Mittelalters dieses Phänomen und sie nahmen an, dass diesen eigenartigen Tautropfen Heil- und Zauberkräfte innewohnten. Der botanische Name »Alchemilla« bedeutet so viel wie »kleine Alchemistin« und rührt daher, dass Alchemisten diese Tropfen sammelten, um daraus Gold oder den Stein der Weisen herzustellen. Auch hängte man einst Kränze oder Sträuße aus Frauenmantel an Fenster, Türen oder an den Dachfirst, weil man sich davon einen Schutz des Hauses vor Blitzeinschlag erhoffte. Junge Frauen vertrauten zudem darauf, dass ihnen ein Bad in einem Gebräu aus Frauenmantel die abhanden gekommene Jungfräulichkeit zurückgeben würde. Dass dies wirklich helfen könne, erschien aber schon den meisten unserer Vorfahren mehr als fraglich! Doch der Frauenmantel birgt in jedem Falle heilende Kräfte: Kräuterkundige Frauen nutzen die Pflanze früher gegen allerlei Frauenleiden oder als heilendes Mundwasser nach der Entfernung von Zähnen, und mancher Naturheilkundler setzt noch heute auf die Heilwirkung des Frauenmantels.

Weniger bekannt ist die Zugehörigkeit von Alchemilla mollis zum Reigen der Marienpflanzen. Dass der Frauenmantel zu den wenigen Pflanzen gehört, die keine Bestäubung zur Bildung von Früchten benötigen, war unseren Urahnen wahrscheinlich noch nicht bekannt. Und deshalb steht die schöne Staude auch nicht als Symbol für die Jungfräulichkeit Mariens, sondern für ihre Rolle als Beschützerin der Menschen. Denn die mantelartige Fältelung ihrer Blätter erinnerte die Gläubigen des Mittelalters an den Schutzmantel Mariens, unter dem all diejenigen Schutz und Zuflucht finden, die der Hilfe bedürfen. Oder vielleicht dient der »Himmlische Tau«, wie es Johannes Trojan in seinem Gedicht beschrieben hat, ja auch als Labsal für das Elfenvolk?


Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer