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Die Fülle entdecken

Nichts und niemand ist eine Insel – außer eine Insel natürlich. Aber selbst auf den meisten Inseln kann man sich nicht abschotten. Zumindest nicht auf den Inseln, die ich mal bereist habe – logisch. Wäre etwa Gran Canaria abgeriegelt, hätte ich es nie kennen gelernt, was schade wäre.

Halten wir fest: Weder ein Mensch noch ein Garten ist eine Insel. Ganz gleich, wie man es versucht, ein gärtnernder Mensch kann einfach nicht „sein eigenes Ding“ machen, denn immer funkt jemand dazwischen. Aber ich will mich nicht beklagen, denn manchmal sind diese Funker hilfreiche Korrektive. So wie mein Mann Stefan. Eigentlich haben wir hinsichtlich unseres grünen Hobbys eine klare Aufgabenteilung: Er ist zuständig für den Balkon (ca. 6 qm) und ich für den Schrebergarten (ca. 220 qm). Und eigentlich will der eine dem anderen nicht ins Gehege kommen. Und da wir zuweilen äußerst unterschiedliche Geschmacksrichtungen hinsichtlich Zierpflanzen haben, wollen wir damit auch Diskussionen aus dem Weg gehen.

Aber von Anfang an klappte diese Aufgabenteilung in einigen Details nicht.
Meinen Schrebergarten bekam ich in einem Dezember. Und ich wollte erst einmal das Frühjahr abwarten, um zu sehen, was wo sich an Pflanzen zeigt, um zu entscheiden, welche Zwiebelblumen irgendwann dazu passen würden. Mir schwebte ja ein locker-leichtes naturnahes Szenario vor, so mit kleinen Narzissen und wilden Tulpen. Aber Stefan war schneller. Er besorgte, sowie die Tinte auf dem Pachtvertrag trocken war, ein paar Pakete mit Zwiebelblumen sozusagen als Einstandsgeschenk. Als ich sah, um was es sich konkret handelte, war ich allerdings irritiert. Im Körbchen lagen 10er-Packs von gefüllt blühenden Narzissen ‘Manly‘, Tulpen ‘Black Hero‘, ‘Carnaval de Nice‘ und ‘Angélique‘. Und das, wo ich gerade eher die kleinen, feinen Zwiebelblumen entdecken wollte und den poetisch-romantischen Frühling einem Einzug von Pracht und Prunk vorzog.

Nun wollte ich meinen lieben Gatten um keinen Preis enttäuschen; es war ja herzlieb, dass er mich mit Zwiebeln bedachte. So pflanzte ich die Narzissen und ‘Angelique‘ in ein schmales Beet und der „Schwarze Held“ wie der „Karneval in Nizza“ fanden in geräumigen Gefäßen statt. So weit, so gut.
‘Angelique‘ wurden ärgerlicherweise von Wühlmäusen entdeckt, ehe ich überhaupt wusste, dass sie in meinem Garten wohnen. Nicht ein Blatt war zu finden, und ich wusste ab diesem Zeitpunkt, dass ich alles, was Wühlmäuse so mögen, also fast alles, vor ihnen beschützen muss. ‘Angelique‘ ist also nicht vergebens gestorben. Die anderen drei Partien blühten aber ohne Probleme auf und – oh Wunder – sie gefielen mir sogar bestens.

Natürlich änderte ich mein Gartenblumenzwiebelkonzept. Und das war leichter als ich dachte. Großblumige Tulpen sind die idealen Gefäßpflanzen, da lasse ich mir Pomp and Circumstances nur zu gern gefallen. Und nach dem Motto „Wenn schon, denn schon“ langte ich bei der nächsten Pflanzzeit zu: ‘Orange Princess‘, ‘Uncle Tom‘, ‘Mount Tacoma‘ und eine Mischung Murillo-Tulpen obendrauf kamen in den Garten. Einmal im Prächtigkeitsrausch geraten, machte ich nicht einmal vor den gefransten Papageitulpen Halt; am besten gefielen mir ‘Black Parrot‘ und ‘Blue Parrot‘. Ich befreite meine alten Kübel aus dem Keller von den Spinnweben, gab eine Mischung aus Erde und Sand hinein und baute mir so einen kleinen mobilen Tulpengarten, den ich immer um den Sitzplatz drappierte, wenn es mal im April zu einem frühlingshaften Kaffeetrinken im Garten kam… die Wühlmäuse hatten aus dem Untergrund heraus das Nachsehen. …ich meine ich konnte sie schimpfen hören.

Narzissen sollten unbedingt in die Beete gesetzt werden, sie sind ja wühlmausfest. ‘Manly‘ gefiel mir überraschend gut im schmalen Beet am Zaun. Aber ich traf auch auf gefüllte Sorten, die erstaunlich naturhaft aussahen – sofern man das von Blumen sagen kann, deren Staubgefäße zu Blütenblättern umgewandelt wurden.

Zuerst fiel mir ‘Rip van Winkle‘ in die Hände, dieser kleine Strubbelkopf! Auf den ersten Blick könnte man sie für einen frühen Löwenzahn halten; die Farbe strahlt im relativ blütenlosen Erstfrühling weithin. Dann stolperte ich beim Durchkämmen des Sortimentes über Narcissus x odorus ‘Plenus‘. Wenn eine Narzisse schon das „odorus“ im Artnamen führt, ist das bereits interessant. Ihre Blüte ähnelt einer dottergelben grazilen Osterglocke, wenn auch die Tröte in der Mitte aus vielen Blütenblättern besteht. Sie wirkt etwas länglich und duftet tatsächlich sehr stark. Besonders gut gefällt mir der grazile Aufbau der Pflanze; das Laub ähnelt eher dem von Schnittlauch als dem einer typischen Narzisse. Außerdem löst sie ‘Rip van Winkle‘ in der Blütezeit nach einer kleinen Pause ab.

Aber die beste Idee kam mir, als ich die gefüllte Form der weißen Dichternarzisse entdeckte. Ich habe seit jeher eine Schwäche für Sorten von Narcissus poeticus; sie sind für mich der Inbegriff von Grazie und Eleganz. Und so mischte ich eine größere Menge der Sorte ‘Recurvus‘ mit einer kleinen Handvoll ‘Albus plenus odoratus‘. Ich wollte natürliche spontane Mutationen in einem Trupp Dichternarzissen simulieren. Der Plan ging auf und wie selbstverständlich belebten die gefüllten Blüten das Bild. Da macht es gar nichts, dass die Blüten der gefüllten Sorte gelegentlich cremefarben statt kristallweiß bleibt – offenbar ist das eine Reaktion auf verschiedene Witterungsverläufe; mal so, mal so. Diese beiden Sorten bilden bei mir den Abschluss der Narzissensaison und sie halten bei mir dauerhaft im lichten Schatten neben zwei frei wachsenden Ramblerrosen (‘Christine Helene‘ und ‘Perennial Blue‘).

Barocke Pracht von Tulpen kann übrigens auch mit einfach blühenden Sorten vermittelt werden – es ist alles eine Angelegenheit der Kombination. Ich schrecke zwar noch immer grundsätzlich davor zurück, Tulpen in Gartenbeete zu setzen… sie wissen schon warum. Aber für eine Sorte bastele ich in jedem Herbst gerne ein Körbchen aus Kaninchendraht zum Schutze. Ihr Name: ‘Gavota‘. Ihre Blüte ist tief kastanienbraunrot mit einem breiten gelben Rand. Die drei inneren Blütenblätter haben noch einen deutlich heller gelben senkrechten Streifen – man sieht ihn nur, wenn die Blüte voll geöffnet ist. Neben dunkellaubigem Heuchera (jaja, ich weiß; immer dieses Heuchera…) sehen ihre lange haltbaren Blüten fantastisch aus. Als ich dieses Jahr das Beet räumen musste um frisch eingetroffene Taglilien zu pflanzen, habe ich das Dutzend ‘Gavota‘ für die Vase abgeschnitten – nachdem sie schon 14 Tage im Garten blühten. Der Strauß verbreitete seine Magie dann noch 10 Tag im Wohnzimmer. Ich bin seitdem ‘Gavota‘ vollends verfallen…

Bald ist ja wieder Pflanzzeit – bei Tulpen lasse ich mir immer Zeit bis etwa Ende Oktober. ‘Gavota‘ liegt auch schon bereit, bei den anderen Sorten schaue ich noch mal. Das Timing passt gut, denn Mitte September bin ich ja jedes Jahr reif für die Insel; zwei Wochen lang brauche ich einfach Sonne und Meer… ohne Internet und Telefon… etwa auf Gran Canaria … aber ich glaube, das hatte ich schon oben erwähnt…


Text und Fotos: Andreas Barlage