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Die bildschöne, falsche Wegwarte

„Woher haben Sie denn diese wunderschöne Wegwarte?“, fragen uns manche Besucher und bleiben voller Bewunderung vor dieser stattlichen Pflanze stehen. Sie steht mitten im Gemüsebeet, eigentlich ein nicht gerade typischer Standort für eine Wegwarte.

Doch in der Tat: Diese Pflanze ist eine wahre Pracht! Sie ist gut eineinhalb Meter hoch gewachsen, ihre Triebe sind reich verzweigt und voller leuchtend blauer Blüten , sie erscheinen von Ende Juni bis in den August hinein. Bei Regenwetter leuchtet das Blau ihrer Blüten besonders intensiv. Doch wir müssen unsere Besucher enttäuschen: „Das ist keine Wegwarte!“
Sie schütteln dann immer ungläubig den Kopf.
„Nein wirklich, das ist keine Wegwarte“, wiederhole ich noch einmal und löse dann das Rätsel: „Das ist ein Radicchio vom vorigen Jahr!“

Radicchio ist eine zweijährige Pflanze. Da wir diesen delikaten Wintersalat aber für die Küche anbauen, lassen wir ihn normalerweise nicht zur Blüte kommen. Wir ernten ihn, wenn er kleine, feste, dunkelrotbraune Köpfe gebildet hat. Doch manchmal vergessen wir auch, einen zu ernten. Der fängt dann im Frühjahr an zu schossen. Und bald blüht er, ähnlich einer Wegwarte.

In der Tat gehören Wegwarte und Radicchio zur gleichen Pflanzengattung, ebenso wie auch Endivien, Zuckerhut und Chicorée. Der botanische Name lautet für alle Cichorium intybus. Dennoch unterscheiden sich die wild wachsende Wegwarte und Radicchio in vielen Eigenschaften voneinander. Doch die Blüten sind zum Verwechseln ähnlich. Radicchio, in unserem Garten die Sorte ‘Roter von Verona’, auch ‘Roter Veroneser’ oder ‘Rossa di Verona’ genannt, gehört wie die oben erwähnten zu den Zichoriensalaten.

Der ‘Rote von Verona’ ist nicht nur eine Delikatesse, er ist auch eine Schönheit. Die aus der eigenen Aussaat hervorgegangenen Setzlinge pflanze ich im August im Abstand von 20 cm aufs Beet. Dann bilden sie zunächst Rosetten mit länglichen Blättern. Man kann sie im Spätherbst bis auf fünf Zentimeter Länge zurückschneiden, damit sie Köpfe bilden. Aber das machen sie meistens auch ohne Rückschnitt. Diese rotbraunen Köpfe sind eine Schönheit für sich. Sie sind absolut winterhart, überdauern auch unter einer dicken Schneedecke. Nach der Schneeschmelze haben sich die äußeren Blätter schwarz gefärbt, es sieht aus, als wären sie verfault. Doch wenn man diese äußeren Blätter entfernt, kommen die frischen, kompakten rotbraunen Köpfe zum Vorschein.

Wir „vergessen“ zuweilen einen dieser Köpfe zu ernten. Der beginnt dann im Frühling zu schossen und entfaltet eine Blütenpracht, die Wegwarten in der freien Landschaft übertrifft. Wir möchten dieses alljährliche Blüherlebnis nicht missen …


Text und Fotos: Wolfram Franke