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Der Vorgarten

Der Garten in Jamlitz ist geschichtsträchtig. Immer wieder stößt man auf Spuren des frühen 20. Jahrhunderts. Im Vorgarten zwischen Chaussee und Haus stehen zwei Walnussbäume, die mein Großvater in der Zeit des ersten Weltkrieges aus Samen gezogen hat. Der Mutterbaum stand in Berlin-Pankow. Inzwischen ist einer der Bäume hohl, die Hornissen haben im letzten Jahr darin genistet. Doch die Rinde, das Kambium, ist gesund, und wir wissen ja, dass ein Strohhalm, eine Röhre, ein sehr stabiles System darstellt.

Das zweite Wunder ist ein „Knöterich“, der jedes Jahr bis 3 m hohe bambusähnliche Triebe schiebt. Schon als kleines Kind habe ich ihn bewundert und geliebt. Er blüht im Spätsommer mit weißen Blütenpuscheln aus den Blattwinkeln und erfreut durch eine schöne gelb-rötliche Herbstfärbung. Ist es nun ein Polygonum? Eine Persicaria? Eine Fallopia? Das beigefügte Bild wird vielleicht Aufklärung bringen.

Wer erkennt, um welche Art es sich handelt, der möge uns das mitteilen. Auch dieser Knöterich steht mindestens seit den 30er Jahren dort. Nach einem Bombenangriff 1945 war er zwei Jahre zugeschüttet. Wieder befreit, begann er ein zweites Leben.

Manche botanisch interessierte Besucher warnen mich gelegentlich vor diesem „Wucherer“, der sich heute in Mitteleuropa hemmungslos ausbreitet. Jener üble Geselle kann es aber nicht sein, er wandert zwar ein wenig, aber er wird nicht aggressiv.

Von oberbayerischen Bachläufen kennen wir Lysimachia nummularia, das Pfennigkraut. Der Leser wird vermutlich wie ich darüber staunen, dass diese Art im märkischen Sand im Schatten des Hauses unter den Walnussbäumen üppig wächst und sich als Bodendecker betätigt.

Im April sind diese Flächen dicht besetzt mit Scilla siberica, für die Boden und Kleinklima einfach ideal sein müssen. An den verschiedensten Stellen im Garten blühen sie, sogar im Kiefernwald. Sie müssen sich laufend versamen.

So gesehen könnte der Vorgarten eigentlich bleiben, wie er ist. Und doch musste einiges korrigiert werden, wozu im November gutes Wetter und gute Zeit war. Es haben sich nämlich im Laufe der Jahre auch einige Übeltäter eingeschlichen, die das Areal sicher bald ganz für sich in Anspruch nähmen, wenn sie nicht daran gehindert würden.

Zwei Straucharten sind im Jamlitzer Garten geradezu gewalttätig. Einmal die nordamerikanische Schneebeere, Symphoricarpos albus. Als Kinder haben wir die weißen Beeren geliebt und zerknallt. Aber, dies Gehölz ist eine Seuche und hat inzwischen ganze Partien des Kiefernwaldes besetzt!

Nicht ganz so gefährlich ist die Fiederspiere aus Nordasien, Sorbaria sorbifolia. Blatt und Blüte dieses Rosengewächses sind eine Freude für das Auge. Das beginnt sehr zeitig im Jahr mit dem schönen Austrieb der gefiederten Blätter, reicht über die Zeit der Blüte, zauberhafte weiße aufrechte Blütenrispen. Und noch im Spätherbst erfreuen die dann braunen Samenstände. Nur, man muss dies Gehölz in seine Grenzen verweisen. Im trockenen Sand ist es sonst hemmungslos.

Der letzte zu erwähnende Übeltäter ist eine Seggenart, die für sich genommen nicht häßlich ist, aber leider auch mit Ausläufern stark wuchert. Vermutlich handelt es sich um Carex arenaria, die Sandsegge.

Gegen die drei Wucherer muss nun eingeschritten werden. Von den Robinienschößlingen ganz zu schweigen, die bei freiem Wuchs sonst solch ein Areal zur stachligen Hölle machen. Bleiben wird auf jeden Fall ein immergrüner Rhododendron mit weißen Blüten, der inzwischen einen Durchmesser von 3 m hat. Soweit die Vorgeschichte des Jamlitzer Vorgartens. Wie es dort weitergeht, darüber ein andermal mehr.


Text und Fotos: Christian Seiffert