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Der Mann hinter dem Kürzel „Sieb.“

Im Jahr 2016 wurde allenthalben des großen Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné gedacht, dessen Todestag sich zum 150. Mal jährte. Doch im gleichen Jahr starb auch ein anderer für die Gartenkultur bedeutender Mann, nach dem nicht nur relativ unscheinbare Pflanzen wie die „Siebold-Haselnuss“ oder die „Siebold-Berberitze“, sondern auch die attraktive „Siebold-Waldrebe“ und die „Siebold-Fetthenne“ benannt sind. Dass die letzten beiden Sorten und noch viele mehr ihren Weg aus Japan nach Europa fanden, verdanken wir Philipp Franz von Siebold, der am 17. Februar 1796 in Würzburg das Licht der Welt erblickte.

Im königlich-niederländischen Auftrag tat der junge Arzt Siebold 1822 zunächst sechs Jahre lang in der holländischen Handelsniederlassung auf der Insel Deshima in der Bucht von Nagasaki Dienst, um nochmals 30 Jahre später erneut (1859-1863) nach Japan zurückzukommen. In seiner Funktion als Arzt gelang es ihm schnell, Kontakt zu Land und Leuten aufzubauen, zumal er bald mit der Sprache und den Sitten der Japaner vertraut war. So begann der wissbegierige Mediziner seine umfangreiche Forschungstätigkeit rund um Botanik, Zoologie und Geographie des Landes. Als begnadeter Vermittler zwischen den Kulturen standen ihm Türen offen, die anderen Europäern verschlossen blieben. So durfte Siebold auch die Flora des japanischen Inselreiches erkunden und sandte reiche Pflanzenbeute nach Europa. Da er in niederländischem Dienst stand, gelangten bis dahin unbekannte Pflanzen in die botanischen Gärten von Leiden und Gent, von wo aus sie sich bald im übrigen Europa verbreiteten.

Bei seiner ersten Abreise aus Japan kam es zur sogenannten „Siebold-Affäre“: Als er bei Abfahrt seine Habseligkeiten mehr oder minder heimlich verladen hatte, wurde das Schiff durch einen Taifun wieder an Land getrieben und manövrierunfähig. Um es wieder flott zu bekommen, wurden Teile der Ladung zurück an die Küste gebracht, darunter auch Siebolds Gepäck. Darin fand man diverse Landkarten, verbotene Pflanzen und andere Gegenstände, deren Ausfuhr aus Japan strikt untersagt war. Die Folgen für Siebolds Helfer waren drastisch, Siebold selbst wurde verbannt. Er ließ vor Ort auch seine japanische Lebensgefährtin Sonogi O-Taki zurück, mit der er eine gemeinsame Tochter, O-Ine, hatte. Ob es der jungen Mutter ein Trost gewesen sein mag, dass Siebold eine Hortensie nach ihr mit dem Namen Hydrangea Otaksa (heute: Hydrangea macrophylla ‚Otaksa‘) benannte, darf getrost bezweifelt werden.

Wie viele Pflanzen es waren, die Siebold in der Zeit zwischen 1829 und 1864 zu uns einführte, ist leider nicht genau bekannt – doch ihre Zahl dürfte in die Hunderte gehen. Neu nach Europa gelangten in dieser Zeit – so ist es vom Botanischen Garten der Universität Würzburg zu erfahren –  die Goldband- und Prachtlilie, verschiedene Hortensien, Funkien, Päonien, Weigelien und die Japanische Zierquitte, die dreispitzige Jungfernrebe („Wilder Wein“), der Blauglockenbaum, die japanische Glyzinie („Blauregen“), ein japanischer Zierapfel  sowie Elfenblumen, aber auch mehrere beliebte Nadelgehölze wie etwa die japanische Eibe und verschiedenartige Scheinzypressen. Um die 350 Pflanzenarten hat Siebold erstmals einen wissenschaftlich verständlichen Namen gegeben, zahlreiche davon hat er als erster Forscher überhaupt bzw. in Zusammenarbeit mit dem Münchener Botaniker Joseph Gerhard Zuccarini beschrieben. Mit diesem brachte er auch das botanische Werk „Flora Japonica“ heraus. Viele der von Siebold eingeführten, beziehungsweise erstmals botanisch beschriebenen Pflanzen erkennt man noch heute an dem botanischen Kürzel „Sieb.“ hinter dem Pflanzennamen.

Der berühmte Arzt und Botaniker starb im Jahre 1866 in München. Sein Grab auf dem Südfriedhof, das nach dem Vorbild japanischer Grabmäler gestaltet wurde, erinnert noch heute an den großen Botaniker, dem wir die Einführung so vieler wunderbarer Pflanzen nach Europa verdanken!


Text: Antje Peters-Reimann
Fotos: Staudengärtnerei Gaißmayer