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Der Lustgarten

Der jamlitzer Terrassengarten entstand um 1910. Die erste Terrasse unterhalb des Hauses, ein dem optischen Genüsse vorbehaltener Schaugarten, hieß von Anfang an „Lustgarten“. Dass es dort auch Düfte zu genießen gab, belegt das Foto mit meiner Großmutter, das ca. 1912 entstand: Madonnenlilien im Vordergrund!

Der Lustgarten hatte immer einen architektonischen rechteckigen Teich. Auch gab es eine weiße Holzbank, unter der eines Tages ein Eichensämling wuchs. Da man versäumte, ihn beizeiten auszurupfen, wuchs er sehr schnell zu einer stattlichen Eiche heran. Und so wurde der Lustgarten in den 30er und 40er Jahren zum Schatten- bzw. Halbschattengarten. Immerhin gelang es meinem Vater dort beachtliche KF-Rittersporne heranzuziehen.

Die Lustgartentradition wird heute fortgesetzt. Der Lustgarten ist der eigentliche Rosen- und Beetstaudenbereich, wobei allerdings Rittersporne wegen Wassermangels leider ausfallen.

Der Teich: Vom Viereck nimmt man nicht mehr viel wahr. Ein Gagelstrauch, Myrica gale, hat sich enorm ausgebreitet und die kantigen Strukturen überdeckt. Ein köstlicher Duft verbreitet sich, wenn man seine Blätter streift. In einem zweiten Sumpfbeet im Teich steht Kalmus, Acorus calamus, der früher in Jamlitz in Massen vorkam, heute aber an den vielen Gewässern kaum noch zu finden ist.

Ein Fest der Rosen und Nelken

Die erste Junihälfte stand nun ganz im Zeichen von Nelken und Rosen. Auch der Teich machte mit. Vor 1 – 2 Jahren muss ich ein paar Samen der Prachtnelke, Dianthus superbus, dort ausgestreut haben. In diesem Juni blühten die ersten Pflanzen. Fand dies noch ziemlich im Verborgenen statt, so feierten die Einfassungsnelken ein großes Fest: Dianthus plumarius 'Alba Plena', irgendwann erhielten wir eine Pflanze geschenkt und haben sie inzwischen massenhaft vermehrt. All diese weißen Nelken sind also eigentlich eine Pflanze! Auffällige Gesellschaft erhielten sie durch die blaue Katzenminze, Nepeta x faassenii 'Walkers Low', und die gigantische Großstaude „Johanniswolke“, früher Polygonum polymorphum, heute Aconogonon spec.. Dieser Knöterich gehört zu den Stauden, die einige Jahre benötigen, um sich voll entfalten zu können. Jetzt steht er im 4. Jahr und war noch nie so stattlich.

Umso erstaunlicher, wie diese gigantische Grünmasse jedes Jahr in kürzester Zeit entsteht und die Pflanze schon im Juni blüht. Dieser nicht wuchernde Knöterich sieht aus, als käme er aus einem Feuchtgebiet. Und doch scheint er sich im trockenen jamlitzer Sand besonders wohl zu fühlen. Eine Besonderheit, die manchem Staudenfreund stinken wird: die Blüten der Johanniswolke riechen nach Schweinestall! Aber was macht das, bei so viel Nelken und Rosen, die zur selben Zeit blühen.

Viel Freude mit den Taglilien

Da gibt es im Lustgarten eine zweite Gattung, die man von ihrem Aussehen her lieber in eine Feuchtwiese pflanzen möchte, die sich aber im Sand außerordentlich wohl fühlt: die verschiedenen Hemerocallis. Als sehr lange blühend hat sich in diesem Jahr Hemerocallis minor erwiesen. Sie begann den Blütenreigen im Mai und blühte noch Mitte Juni. Hemerocallis lilioasphodelus, die verwildert in den augsburger Lechwiesen vorkommt, blühte bei weitem nicht so lange, aber dafür sehr üppig. Hemerocallis fulva begann erst in der zweiten Junihälfte zu blühen und Hemerocallis citrina öffnet Ende Juni die ersten Blüten. In unserem bayerischen Garten hat diese Taglilie stets unter Blütenknospenmaden gelitten. Nach Jamlitz transferiert ist sie völlig frei davon.

Ein paar Anmerkungen zu den Rosen

Einige Arten und ihre Sorten eignen sich ganz offensichtlich besonders gut für diesen Standort. Während die von mir sonst so geschätzen Remontantrosen ein eher klägliches Dasein führen, erweist sich die Rose de Resht als ein höchst vitales Wesen. Das Gleiche gilt für Gallica-Rosen und die Rosa alba. Rose de Resht und die Rosa gallica versicolor wetteifern mit Wurzelschösslingen. Die neueste Attraktion ist ein Kletterrosen-Sämling, eine Rosa x Wichuraiana-Hybride, hellrosa, leicht gefüllt, reich blühend und himmlisch duftend. Die Mut-ter davon steht im bayerischen Garten, ist 6 m hoch und blüht entsprechend in weiß.

Ein Glücksfall, dass ich diesen Sämling mehr zufällig als absichtlich aufgepflanzt habe. Gewöhnlich trennt man sich ja von den unzähligen Rosensämlingen, die einen Garten bald zur undurchdringlichen stachligen Wildnis machen.


Text und Fotos: Christian Seiffert